Nibelungen-Festspiele

Was danach geschah

› Der älteste Krimi der Welt geht weiter: Nach dem Gemetzel während des Festbanketts, zu dem er die Burgunder geladen hatte, kauert Hunnenkönig Etzel von Schwermut befallen vor seinem Zelt. Nicht nur seine Frau Kriemhild, sondern auch der kleine Sohn Ortlieb wurde ermordet. Nun will er nach Worms reisen und dort seinen Anspruch als Erbe des Burgunderlandes auf den sagenumwobenen Nibelungenschatz geltend machen. So beginnt das Stück, das Feridun Zaimoglu (Foto unten) und Coautor Günter Senkel geschrieben haben.

Rache, Macht und Vorherrschaft

Für beide war von Anfang an klar: Das Epos, dessen Handschriften seit 2009 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehören, ist noch lange nicht zu Ende erzählt. „Dies wäre erst der Fall, wenn alle verstorben sind“, betont Zaimoglu. Die neuen Protagonisten sind Überlebende des Blutbads, aber auch Angehörige und Nachkommen der Getöteten. Neben Etzel gehören dazu Siegfrieds Eltern, die mit ihren Enkeln aus den Niederlanden kommen, sowie Brunhild und deren Sohn, die nun alle in Worms aufeinandertreffen und sich als jeweils rechtmäßige Erben des Schatzes sehen. Mit diesem schillernden Königsdrama aus Rache, Macht und Vorherrschaft setzen Intendant Nico Hofmann und der künstlerische Leiter Thomas Laue ihren vor drei Jahren eingeschlagenen Weg fort. „Wir wollen jedes Mal mit neuen Autoren und Regisseuren antreten und dieses renommierte Festival künstlerisch noch weiter voranbringen“, erläutert Hofmann. Erst vor Kurzem hat er seinen Vertrag in Worms um fünf Jahre verlängert. „Wir haben hier große künstlerische Freiheit, das ist nicht selbstverständlich“, zeigt sich Hofmann begeistert.

Jürgen Prochnow als Hunnenkönig

Mittlerweile genießt das Festival einen exzellenten künstlerischen Ruf, sodass selbst viel beschäftigte Film- und Theaterschauspieler gerne ihren Sommerurlaub verschieben, um bei diesem Open-Air-Ereignis dabei zu sein. Hollywood-Star Jürgen Prochnow, der in die Rolle von Etzel schlüpfen wird, begibt sich mit seinen immerhin 76 Jahren sogar auf Neuland. „Ich habe noch nie auf einer Freilichtbühne gestanden“, gesteht er. Weitere Stars, die vor dem Dom auftreten werden, sind unter anderem Karin Pfammatter — die Schweizer Theaterschauspielerin und Tatort-Darstellerin spielt die Königin Sieglinde aus den Niederlanden — und Linn Reusse vom Deutschen Theater Berlin. Sie stellt Sieglindes Enkelin Swanhild dar, die Tochter von Kriemhild und Siegfried. Hinzu kommen Ursula Strauss als Brunhild, Felix Rech als Dietrich von Bern, Max Mayer als Brunhilds Sohn Burkhardt, Miguel Abrantes Ostrowski als Priester sowie Wolfgang Pregler, der schon zum sechsten Mal bei den Festspielen mitwirkt, als Königsmutter Ute, um nur einige zu nennen.

Eine imposante Erfolgsgeschichte

Inszeniert wird „Siegfried Erben“ von Roger Vontobel, einem an vielen Theaterhäusern gefragten Regisseur. Er findet die Wormser Freiluftkulisse besonders reizvoll. „Ich schätze den Dom in seiner Monumentalität. Er ist hyperreal“, sagt er und fügt hinzu: „Wir wollen das groß machen, was wir mit dem Dom haben.“
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„Siegfrieds Erben“ ist das inzwischen 17. Kapitel einer Erfolgsgeschichte, die in den 90er-Jahren mit ersten Gedankenspielen begann. Ziel war es, das Image der Stadt ein bisschen aufzupolieren. „Die Verantwortlichen von damals haben Kultur als wichtigen Hebel für das Stadtmarketing angesehen“, erinnert der heutige Wormser Oberbürgermeister Michael Kissel an diese Überlegungen. Sich als Nibelungen-Stadt wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rufen, lag auf der Hand: Kein Ort kommt in der Heldensage häufiger vor als Worms. Dass die Entscheider mit der Etablierung ein glückliches Händchen hatten, zeigt der Erfolg der Nibelungen-Festspiele. Nicht nur die Restaurants, Cafés, Hotels und Geschäfte profitieren von diesem Event, es strahlt auch positiv auf das Lebensgefühl der Einheimischen ab. Zum Beratungsgremium, das vor rund 20 Jahren tagte, gehörte der Schauspieler Mario Adorf, der bei der ersten Ausgabe der Nibelungen-Festspiele im Jahr 2002 die Rolle des Hagen übernahm. Da passt es gut, dass in diesem Sommer zum ersten Mal zum Abschluss der Festspiele der Mario-Adorf-Preis für eine besondere künstlerische Leistung verliehen wird. ‹
Bildnachweis:
am besten gestern (Plakatmotiv Frau mit Tierschädel); Bernward Bertram (Dom, Zaimoglu)

Nibelungen-Festspiele

Mit dem Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel schreiben zwei der radikalsten literarischen Stimmen Deutschlands das Stück für die Wormser Nibelungen-Festspiele 2018 unter der Intendanz von Nico Hofmann. Der viel beachtete Schweizer Roger Vontobel wird die Uraufführung von „Siegfrieds Erben“ inszenieren. Vontobel, den eine langjährige Zusammenarbeit an unterschiedlichen Bühnen mit dem neuen Künstlerischen Leiter der Festspiele Thomas Laue verbindet, gilt als ein Regisseur, der im großen Format Geschichten erzählen kann und dabei immer nach einer klaren gesellschaftspolitischen und gegenwartsbezogenen Lesart sucht.
TerminFR 20. Juli bis SO 05. August 2018
AdresseNibelungen-Festspiele Worms // Von-Steuben-Straße 5 // 67549 Worms
SpielorteKaiserdom, Worms
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    Last Exit: Hunnenland
    Nachwuchsförderung ist ein großes Anliegen der Nibelungen-Festspiele. Alle zwei Jahre fragt ein Autorenwettbewerb, was junge Autoren über den Nibelungenstoff denken. Das Stück „Last Exit: Hunnenland“ von Maximilian Lang, Jahrgang 1986, überzeugte 2017 die Jury und wird in diesem Jahr im Festspielprogramm uraufgeführt. Inszenieren wird die 28-jährige Regisseurin Charlotte Sprenger (Foto), die schon mit Aufführungen am Schauspiel Köln auf sich aufmerksam gemacht hat. Maximilian Lang verdichtet die Nibelungengeschichte um den Mord an Siegfried und der Rache Kriemhilds. Das Aufeinandertreffengleicht einem Showdown, einem spannungsgeladenen Höhepunkt, wie man das von den Westernfilmen Hollywoods kennt.
    21. & 22. Juli 2018, 20 Uhr, DAS WORMSER THEATER
    Foto: Niklas Berg
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    Fremd sein!
    Ein Wiedersehen mit André Eisermann. Der Schauspieler und gebürtige Wormser ist erstmals wieder bei den Nibelungen-Festspielen exklusiv im Festspielprogramm zu sehen. In seiner musikalischen Lesung geht es um die immer wieder aktuelle Auseinandersetzung mit dem „Fremd sein!“. Ein Thema, das sich auch in der Nibelungengeschichte wiederfindet. Musikalisch wird André Eisermann vom Wormser Kammerensemble begleitet. Die 30 Laien und semiprofessionellen Sänger begeistern seit Jahren das Publikum mit einem großen Repertoire von alter geistlicher Musik bis hin zu modernen Chorwerken.
    29. Juli 2018, 18 Uhr, Worms, Dreifaltigkeitskirche
    Foto: Eike Thomsen
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