Kurpfälzisches Museum Heidelberg

Ist das echt?

› Eine Ausstellung mit Werken von Lucas Cranach, Rembrandt, Vincent van Gogh und Pablo Picasso ist eine Sensation. Das Kurpfälzische Museum zeigt in seiner neuen Ausstellung die Giganten der Kunstgeschichte, nicht im Original, sondern als raffinierte Fälschungen, die erst nach Jahren entlarvt wurden.

Manche ihrer Schöpfer blieben bis heute unbekannt, andere avancierten zu Medienstars wie Wolfgang Beltracchi. Der sogenannte Jahrhundertfälscher genoss bis zu seiner Enttarnung 2010 ein Luxusleben an der Côte d’Azur und flutete von dort aus den Kunstmarkt mit angeblich verschollenen oder unbekannten Werken von Größen der Moderne wie Heinrich Campendonk, Max Ernst oder Max Pechstein. Ziemlich bescheiden war indes Shaun Greenhalgh, der als bester bekannter Fälscher der Gegenwart gilt. Vom astronomischen Erlös seiner Amarna-Prinzessin kaufte sich der Brite ein Paar Socken, den Rest legte er auf sein Bankkonto. Wie viele Fälschungen immer noch unentdeckt in den Museen schlummern, darüber lässt sich nur spekulieren.
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Henry Keazor, Professor am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg, hat die Ausstellung kuratiert. Er beschäftigt sich seit Längerem mit der dunklen Seite des Kunsthandels. „Fälschungen sind kein Kavaliersdelikt. Sie schädigen das Œuvre von Künstlerinnen und Künstlern sowie den Kunstmarkt, und ihre Aufklärung kostet Steuergelder“, erklärt Keazor. Vor drei Jahren hat er eine Fälschungs-Studiensammlung in Heidelberg aufgebaut. Sie besteht aus Dauerleihgaben aus den Asservatenkammern der Landeskriminalämter Berlin, Baden-Württemberg und Bayern. „Ich möchte die Studierenden an das Thema heranführen. In der Vergangenheit gab es viele Fälschungsskandale, weil die Expertinnen und Experten nicht darauf vorbereitet waren“, erklärt Keazor. In seinen Seminaren schlüpfen die Teilnehmenden in die Rolle von Kunstdetektiven. Sie betrachten die Nachahmungen aus nächster Nähe, dürfen sie anfassen und technische Verfahren wie die Röntgenfluoreszenz-Analyse anwenden, um sie zu durchleuchten.

Wie werden Fälschungen entlarvt?

Das Kurpfälzische Museum zeigt 50 Fälle aus dem universitären Fundus, darunter auch ein Landschaftsgemälde, das irrtümlich van Gogh zugeschrieben wurde. Dank kostbarer Leihgaben aus Köln, Frankfurt, München und Berlin können die Ausstellungsbesucher*innen Originale und Fälschungen miteinander vergleichen. Eine einmalige Gelegenheit, denn normalerweise verschwinden die Machwerke nach den Gerichtsverhandlungen in den Asservatenkammern. Diese Unsichtbarkeit, so vermutet Keazor, hat die Mythenbildung um die sogenannten Meisterfälscher befeuert. Doch wie überzeugend sind ihre Fälschungen wirklich? Wie werden sie entlarvt? Und wie lässt sich die Fälschung vielleicht sogar mit bloßem Auge vom Original unterscheiden? Für solche Fragen sensibilisiert die Heidelberger Ausstellung.

Fundort Speicher

Die Trickkiste der Fälscher ist groß. Manche kopieren real existierende Gemälde. Andere produzieren Werke verstorbener Meister, die angeblich verschollen oder unentdeckt sind, erfinden Biografien von Künstler*innen, die gar nicht existieren, oder fingieren Provenienzen mit gefälschten Sammlungsaufklebern. „Wenn ein Gemälde auf dem Speicher eines italienischen Landhauses gefunden wird, müssen alle Alarmglocken schrillen“, nennt Keazor ein typisches Beispiel.

Und wie sieht die Fälscherwerkstatt der Zukunft aus? Künstliche Intelligenz wird auch dort eine Rolle spielen. In den Niederlanden ist mit ihrer Hilfe bereits ein Rembrandt-Porträt entstanden: Für „The Next Rembrandt“ wurde eine künstliche Intelligenz mit allen männlichen Rembrandt-Porträts gefüttert. Das Ergebnis ist nun in der Ausstellung zu sehen. „Hier erkennt man, wie die neuen Technologien die Zukunft von Kunst und Fälschung verändern können“, sagt Keazor. Das Hase-und-Igel-Spiel geht weiter. ‹

Kunst und Fälschung
29. Februar bis 30. Juni 2024
Kurpfälzisches Museum Heidelberg
www.museum-heidelberg.de


„Fälschungen gibt es, seit es Kunst gibt“

Henry Keazor, Professor am Institut für Europäische Kunstgeschichte in Heidelberg, ist ein Experte für Fälschungen und hat die Ausstellung kuratiert.

Herr Keazor, was interessiert Sie an Fälschungen?
Sie sind ein verdrängtes Thema der Kunstgeschichte. Fälschungen gibt es, seit es Kunst gibt. Sobald etwas mit einem Wert belegt ist, kann es gefälscht werden. Mich interessiert auch, was passiert, wenn wir Kunst betrachten. Wie kann es sein, dass Leute unwissentlich vor einer Fälschung stehen und total begeistert sind, aber wenn man ihnen sagt, dass das kein Vermeer ist, sie das Bild schlecht finden? Wir projizieren unglaublich viel in Kunst hinein und holen uns dann wie aus einer Echokammer ganz viel heraus. Wenn wir erfahren, dass ein Werk gar kein Original ist, reagieren wir mit Wut und Scham. Diese Gefühle projizieren wir wieder auf das Bild und finden es schlecht.

In der Ausstellung stehen die Werke im Mittelpunkt. War es eine bewusste Entscheidung, auf ausführliche Biografien prominenter Fälscher zu verzichten?
Wir wollen keine Heldengeschichten erzählen. Das Interessante ist doch, wie viele gute anonyme Fälschungen es gibt. Sie sind noch viel raffinierter als die von Beltracchi, weil wir bis heute nicht wissen, wer sie gemacht hat. Es wäre eine Schieflage, wenn wir nur diejenigen hervorheben, die namentlich bekannt sind. Dann würden wir so tun würden, als wären sie besonders gut.

Sind Fälscher für Sie Künstler oder Handwerker?
Es sind sehr gute Handwerker. Ich halte es für fehlgeleitete Kreativität, aber man staunt oft, wie kreativ die Fälscher sind. Sie wissen sehr viel über die Kunstgeschichte und den Kunstmarkt.
Bildnachweis:
Links: Christian Goller, Knabenbildnis (Fälschung nach Lucas Cranach d.Ä.), , Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, Leihgabe aus Privatbesitz, um 2007 © bpk | RMN – Grand Palais, Jean Popovitch
Rechts: Lucas Cranach d.Ä.: Kopf eines Knaben, Louvre, ca. 1510/15 (Abbildung © bpk Bildagentur)

Kurpfälzisches Museum

Kunst und Kultur in der Heidelberger Altstadt bietet das Kurpfälzische Museum. Mit seinen vielfältigen Beständen und deren Schwerpunkten Archäologie, Gemälde und Grafiik, Kunsthandwerk und Stadtgeschichte lädt es zu einer faszinierenden Entdeckungsreise ein, von den ersten Siedlungsspuren im Rhein-Neckar-Raum bis zu Werken der Klassischen Moderne von Beckmann, Slevogt und Corinth. Die kostbaren Bestände des Kunsthandwerks — Silber, Porzellan und Möbel — können im historischen Palais Morass bewundert werden, der „Windsheimer Zwölfbotenaltar“ von Tilman Riemenschneider in einer Sonderpräsentation.
AdresseKurpfälzisches Museum // Hauptstraße 97 // 69117 Heidelberg // Telefon: 06221 58–34020 // E-Mail: kurpfaelzischesmuseum@heidelberg.de
ÖffnungszeitenDienstag bis Sonntag 10–18 Uhr
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