Heidelberger Literaturtage

Mehr als schöne Worte

› Seit einem Vierteljahrhundert gilt es als liebenswerter Fixpunkt — das magische Jugendstilzelt mit seinen bunten Verzierungen und Holzdielen, deren Knarren so viele Geschichten zu erzählen scheint. Jeden Sommer weht ein Hämmern und Bohren über den Universitätsplatz, wenn das ehemalige „Danspaleis“ aufgebaut wird. Die Hauptrolle unter dem rot-gelben Baldachindach spielt dann fünf Tage lang die Literatur. Im Zelt können die Gäste Lesungen und Diskussionen lauschen, Partys feiern und sogar auf einem kleinen Büchermarkt stöbern. Draußen dann entspanntes Chillen in Hängematten oder riesigen Sitzkissen vor der Altstadtkulisse, um vielleicht über die ein oder andere gehörte Romanzeile noch einmal nachzudenken.

Neue Stimmen jenseits der Bestsellerlisten
Heidelberg feiert seit 1994 auf diese Weise das geschriebene Wort. Das Festival startete als baden-württembergische Literaturtage, ein Grund, warum die Premiere einen starken regionalen Bezug hatte. Den Eröffnungsabend bestritten vier bekannte Heidelberger Autorinnen: Hilde Domin, Elisabeth Alexander, Eva Zeller und Hella Eckert. Doch die Mütter und Väter der Literaturtage richteten das Festival von Anfang an auch international aus mit einem anspruchsvollen Programm, das sich nicht dem Mainstream unterwarf. Treibende Kraft der Initiative war der Heidelberger Verleger Manfred Metzner, der die Literaturtage über zwei Jahrzehnte leitete, zusammen mit einer Arbeitsgemeinschaft aus Kulturinstitutionen sowie unabhängigen Verlagen und Buchhandlungen. Jahr für Jahr gelang es, neue Stimmen zu entdecken und dem Publikum mehr zu servieren als das, was es ohnehin von den Bestsellerlisten kannte.
  • heidelberger literaturtage annemone taake
    Location mit Flair – das Spiegelzelt auf dem Heidelberger Universitätsplatz bietet ein atmosphärisches Ambiente für die Lesungen und Events der Literaturtage.
    (Foto: Annemone Taake)
Seit den Anfängen des Bücherfestes hat sich in Heidelberg einiges getan. Ein wichtiger Meilenstein war der Titel „UNESCO City of Literature“, den die Stadt vor fünf Jahren verliehen bekam. In diesem Zuge wurde das Festival in den vergangenen zwei Jahren von einer Arbeitsgruppe der Heidelberger Literaturszene neu konzipiert und programmatisch sowie durch einen künstlerischen Beirat erweitert. „Kontinuität ist oberstes Gebot“, erklärt Dr. Andrea Edel, Leiterin des Kulturamtes, ihre Herangehensweise. „Das Grundgerüst sind weiter die Lesungen renommierter Autorinnen und Autoren geblieben, die wir durch einige Erweiterungen ergänzt haben.“ Mit Erfolg: Die Lesungen, Performances, Workshops, Führungen sowie das umfangreiche Kinder- und Jugendprogramm besuchten im vergangenen Jahr rund 4.500 Literaturbegeisterte.

Experimentelle Formate
Die 25. Ausgabe bietet erneut ein breites Spektrum — neben deutschsprachigen auch bilinguale Lesungen sowie innovative, unterhaltsame und experimentelle Literaturformate. Am Eröffnungsabend erwartet das Publikum das erste Highlight. Klaus Modick, Autor von „Konzert ohne Dichter“, nähert sich einem rätselhaften baltischen Adeligen. In „Keyserlings Geheimnis“ begibt er sich auf die Fährte des Literaten, der bis heute als Insidertipp gilt. Die Schriftstellerin Karen Duve taucht in ihrem neuesten Roman ebenfalls in die Literaturgeschichte ein. „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ handelt von Annette von Droste-Hülshoff, die im 19. Jahrhundert als Schriftstellerin und — weniger bekannt — als Komponistin gegen zahlreiche Widerstände kämpfen musste.

Science-Fiction-Poetry-Night
Mit Pippa Goldschmidt kehrt eine gute Bekannte in die Metropolregion zurück. Im Frühjahr 2018 hatten die Stadt Heidelberg und der Rhein-Neckar-Kreis die Autorin aus der UNESCO-Literaturstadt Edinburgh als Stipendiatin eingeladen. Für drei Monate bezog sie Quartier auf dem Dilsberg bei Neckargemünd. Ein Jahr später kommt Goldschmidt wieder nach Heidelberg und liest unter anderem aus ihrem Erzählband „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“. Außerdem entführt die Astrophysikerin gemeinsam mit schottischen Dichterkolleginnen und -kollegen in eine Science-Fiction-Poetry-Night.

Der Pionier des deutschen Hip-Hop Toni-L („Advanced Chemistry“) tritt ebenfalls zu später Stunde auf und lässt die literarische Qualität der Hip-Hop-Texte hörbar werden. Die Zeit kurz vor Mitternacht ist zudem für Live-Hörspiele von Heidelberger Autorinnen und Autoren reserviert. Somit ist sicher: Auch in diesem Jahr stehen den Heidelbergern und ihren Gästen fünf ungewöhnliche Tage voller Poesie bevor. ‹
Bildnachweis:
Annemone Taake

Heidelberger Literaturtage

TerminMI 15. bis SO 19. Mai 2019
AdresseArbeitsgemeinschaft Heidelberger Literaturtage // c/o Kulturamt der Stadt Heidelberg // Haspelgasse 12 // 69117 Heidelberg
SpielorteSpiegelzelt auf dem Universitätsplatz, Heidelberg
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