Biennale für aktuelle Fotografie

Ikonen in der Werkstatt

› Im Jahr 2011 wurde ein Druck des Bildes Rhein II des deutschen Fotokünstlers Andreas Gursky für umgerechnet 3,1 Millionen Euro versteigert. Damit war es die bis dahin teuerste Fotografie der Welt. In monumentalem Großformat erscheinen Fluss, Himmel und Deich als radikal reduzierte Landschaft — ein Kraftwerk, Hafenanlagen und einen Fußgänger mit Hund hatte Gursky digital entfernen lassen. Der Rekorderlös inspirierte das Schweizer Künstlerduo Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger dazu, Rhein II in seinem Studio in Zürich zu rekonstruieren. Sie bauten ein Miniaturmodell, fotografierten es und begannen so ihr langfristiges Projekt, einige der bekanntesten Bilder aus der Geschichte des Fotojournalismus und der Fotokunst nachzustellen: von Joseph Nicéphore Niépces Ansicht aus seinem Arbeitszimmer im Jahr 1826, der ersten bis heute erhaltenen Fotografie, über Robert Capas Fallenden Soldaten bis hin zu einer Aufnahme des explodierenden World Trade Centers reichen die Arbeiten der Serie Icons.

Cortis & Sonderegger geht es dabei nicht um die exakte Kopie. Sie fotografieren ihre akribischen Nachbildungen inmitten ihres scheinbar chaotischen Studios und machen somit den Prozess der Rekonstruktion sichtbar. Künstlichkeit umgeben von Realität — so scheint es zumindest. Hinterfragt werden die Zuverlässigkeit von Fotografie und die vermeintlich unantastbare Macht ikonischer Bilder: Was bedeutet es, ein Bild zu rekonstruieren? Ist es Anerkennung? Kritik? Ein Liebesbrief an das Handwerk analoger Produktion im digitalen Zeitalter oder eine absurde Parodie altmodischer Techniken?

Mit diesen Fragen und vielen weiteren ikonischen Bildern der Fotografiegeschichte befasst sich die Ausstellung „Reconsidering Icons“ im Museum Weltkulturen D5 der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, wo Cortis & Sondereggers Arbeiten während der Biennale für aktuelle Fotografie zu sehen sein werden. Vom 29. Februar bis 26. April laden insgesamt sechs Ausstellungshäuser in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg — darunter die Kunsthalle Mannheim, das Wilhelm-Hack-Museum und der Heidelberger Kunstverein — sowie ein umfangreiches Programm mit Gesprächen, Führungen und Workshops unter anderem dazu ein, einen zweiten Blick auf Bilder zu werfen, die wir alle zu kennen glauben.

„The Lives and Loves of Images“ hat der englische Kurator David Campany als Titel für die Biennale 2020 gewählt. Eine Fotografie, sagt er, habe nicht eine Bedeutung, sondern vielmehr ein oder sogar mehrere Leben. Oft tauchen fotografische Bilder in unterschiedlichen Kontexten auf, erfahren immer wieder andere Interpretationen. „Eine ursprünglich für eine Zeitung entstandene Fotografie kann eines Tages als Bild in einer Ausstellung hängen“, erläutert Campany. Und was hat es mit Loves, also mit der Liebe, auf sich? „Ich denke, dass wir Bilder lieben, obwohl wir ihnen aufgrund ihrer Macht auch mit Skepsis oder Misstrauen begegnen.“
  • Die Ausstellung "When Images Collide" im Wilhelm-Hack-Museum zeigt eine Reihe aktueller künstlerischer Positionen, die ihren Arbeiten mit den unterschiedlichen Techniken der Bildkombination experimentieren. Dabei ist auch die Serie "Güle Güle" von Jean-Marc Caimi & Valentina Piccinni.(Jean-Marc Caimi & Valentina Piccinni, aus der Serie Güle Güle, 2019)
  • "Between Art und Commerce" heißt die Biennale-Ausstellung im Mannheimer Port 25. Zu sehen ist auch Daniel Stiers Serie Mosaic Science.(Daniel Stier, Mosaic Science, 2018)
  • Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger stellen ikonische Bilder der Fotografiegeschichte im Atelier nach wie etwa Robert Capas "Fallender Soldat". Zu sehen ist diese Reihe in der Schau "Reconsidering Icons" im Museum Weltkulturen. (Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger, Making of “Death of a Loyalist Militiaman, Córdoba Front, Spain“ by Robert Capa, 1936, aus der Serie Icons, 2016 )
  • Auf der Suche nach dem American Dream – Die britische Fotografin Vanessa Winship reiste für ihre Schwarz-weiß-Serie „She Dances on Jackson“ (2011–12) durch das amerikanische Ödland. Zu sehen sind ihre Bilder in der Kunsthalle Mannheim. (Vanessa Winship, aus der Serie She Dances on Jackson, 2011–12)
In sechs thematischen Ausstellungen erforscht die Biennale das (Eigen-)Leben der Bilder und unser ambivalentes Verhältnis zu ihnen. Im Heidelberger Kunstverein werden unter dem Titel „Yesterday’s News Today“ Arbeiten gezeigt, die sich mit dem Schicksal alter Nachrichtenfotos beschäftigen. Künstler wie Thomas Ruff und Sebastian Riemer machen dabei die eigentlich unsichtbare Arbeit früherer Bildredakteure wie handschriftliche Notizen, Datumsstempel und Retuschen auf den Bildern deutlich. Im Kunstverein Ludwigshafen setzt sich die Ausstellung „All Art is Photography“ mit dem komplexen Doppelstatus der Fotografie in der Kunstwelt auseinander: Fotografie ist eine Kunstform für sich und gleichzeitig das Medium, mit dem andere Künste dokumentiert, reproduziert und vermittelt werden. „When Images Collide“ im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen widmet sich der Kombination von Bildern und stellt eine Reihe aktueller Arbeiten aus, unter anderem von Anastasia Samoylova und Sohrab Hura, die sich mit analogen und digitalen Collagen, dem Einsatz von Standbildern in Film und Video, digitalem Rendering und Installationen beschäftigen.

„Between Art and Commerce“ im Port25 — Raum für Gegenwartskunst in Mannheim versammelt Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die im Spannungsfeld von kommerzieller und künstlerischer Fotografie arbeiten. Hier sind unter anderem auch Fotografien des deutschen Fotografen Hein Gorny zu sehen, der in den 1930ern im Geist der Neuen Sachlichkeit vor allem Werbeaufnahmen machte und dessen kommerzielle Arbeit über viele Jahrzehnte hinweg in Vergessenheit geraten war. In der Kunsthalle Mannheim betrachtet „Walker Evans Revisited“ den Einfluss der amerikanischen Fotografielegende Walker Evans (1903–1975) auf Generationen von Fotografen und Künstlern auf der ganzen Welt. Die Ausstellung zeigt einerseits, wie Evans’ visueller Ansatz vor allem in Nordamerika und Europa von zeitgenössischen Fotografinnen und Fotografen im Bereich der Dokumentarfotografie fortgeführt und weiterentwickelt wird. Andererseits werden Arbeiten präsentiert, die mittels Aneignung und Collage, Neuinterpretation und Hommage direkt auf Evans’ eigene Bilder reagieren.

Ergänzt wird das Programm der Biennale 2020 durch eine prominent besetzte Gesprächsreihe an der Universität Heidelberg, die das Verhältnis von künstlerischer Fotografie und Wissenschaft erkundet. Am 5. März behandeln Simon Starling und Prof. Dr. Joachim Wambsganß die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Fotografie als Gebrauchsmedium in den Wissenschaften und ästhetischer Bildproduktion in der Kunst. Andrea Diefenbach und Dr. Hans Jäger sprechen am 19. März über die Wirkkraft fotografischer Bilder im Bezug zur medizingeschichtlichen und gesellschaftlichen Rolle von HIV. PD Dr. Grischka Petri und das Künstlerduo Broomberg & Chanarin thematisieren am 31. März die Komplexität der Verwendung und Verbreitung von Konfliktbildern. Zum Abschluss der Reihe diskutieren Armin Linke, Prof. Dr. Estelle Blaschke und Prof. Dr. Sabine Süsstrunk am 2. April über die Rolle der Fotografie innerhalb sozialer, ökonomischer und kultureller Praktiken. ‹

Biennale für aktuelle Fotografie

Die Biennale für aktuelle Fotografie findet alle zwei Jahre in den wichtigsten Ausstellungshäusern der drei Städte Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg statt. Gezeigt werden Themenausstellungen von international renommierten GastkuratorInnen. Knapp 4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bietet Platz für eine vielfältige Betrachtung aktueller fotografischer Positionen und schafft den Rahmen, über ein Medium nachzudenken, das unsere Gesellschaft prägt wie kaum ein anderes.
TerminBis auf Weiteres geschlossen
AdresseBiennale für aktuelle Fotografie e.V. // E 4,6 // 68159 Mannheim // E-Mail: info@biennalefotografie.de
SpielorteLudwigshafen: Wilhelm-Hack-Museum, Kunstverein // Mannheim: Forum Internationale Photographie (FIP) & ZEPHYR, Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Kunsthalle // Heidelberg: Kunstverein
facebooktwitterg+Mail