Wilhelm-Hack-Museum

Eine Frage der Wahrnehmung

› Als „Standbein“ und „Spielbein“ des Museums in Ludwigshafen lassen sie sich bezeichnen: die Kunstsammlungen von Wilhelm Hack und von Heinz Beck, die neben der städtischen Sammlung die zentralen Pfeiler des Museums darstellen. Bis Ende der 1980er-Jahre war die Sammlung des Museums von mittelalterlicher Kunst, Klassischer Moderne und Konkreter Kunst geprägt. Mit der Schenkung von Beck hielten dann zentrale Strömungen der 1960er- und 1970er-Jahre wie Pop Art und Fluxus Einzug in das Ludwigshafener Haus. In ihrer Ausrichtung ist die Schenkung Heinz Becks daher ein wunderbar produktiver Gegenspieler zur Sammlung Hack, verleiht dem Museum neben seinem „Standbein“, dem Konstruktivismus, noch ein „Spielbein“ im Bereich der Pop Art und benachbarter Strömungen. Und während Hack nahezu ausschließlich Gemälde und Skulpturen sammelte, interessierte sich Beck für Multiples und Grafikeditionen.

Konstuktivismus und Expressionismus

Seit 2009 werden die Sammlungsräume jährlich neu eingerichtet — stets mit wechselnden thematischen Schwerpunkten, um neue Blicke auf die Kunstwerke zu eröffnen und diese in einem neuen Kontext zu präsentieren. „Abstrakte Welten. Zwischen Expressionismus und Konstruktivismus“ widmet sich einem der wichtigsten Sammlungsschwerpunkte des Wilhelm-Hack-Museums: dem Expressionismus sowie den konstruktiven Tendenzen der 1910er- und 1920er-Jahre. Die Sammlungsausstellung beschäftigt sich mit neuen Wahrnehmungs- und Darstellungsweisen der Welt im Expressionismus und Konstruktivismus zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts.

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Beide Kunstrichtungen lösen die Malerei von der Darstellung des Gegenstands, verknüpfen Kunstschaffen und alltägliches Leben eng miteinander. Anhand von Gemälden wie die der Expressionisten Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner oder August Macke zeigt die Ausstellung, wie diese Künstler nicht versuchten, die Wirklichkeit detailgetreu nachzuahmen, sondern ihren Empfindungen Ausdruck zu verleihen — wodurch gerade Farben und Formen an eigener Bedeutungskraft gewinnen. „Die Künstler thematisieren vor allem die eigene Lebenswirklichkeit: die Freuden und Laster der Großstadt, wie Theater und Varieté, genauso wie die Sehnsucht nach der Natur“, erklärt Sammlungskuratorin Julia Nebenführ. „Der Gegenstand war zwar Ausgangspunkt des Arbeitens, doch ist seine Wiedergabe vielmehr Ausdruck einer inneren Notwendigkeit als ein naturgetreues Abbild.“ Ausgestellte Werke von beispielsweise Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy oder Ljubow Popowa demonstrieren wiederum, wie sich zeitlich parallel in ganz Europa unterschiedliche Tendenzen geometrischer Abstraktion entwickelten. Die Künstler kehren sich völlig vom Motiv im eigentlichen Sinne ab, verbannen das Erzählerische des Alltags aus ihren Darstellungen und rücken nun die bildgestalterischen Mittel Farbe, Form und Komposition in den Fokus.

Grafiken von Gerhard Richter und Sigmar Polke

Innerhalb der Sammlungspräsentationen bilden die Kabinettstücke eine eigene Ausstellungsreihe, in der vor allem Arbeiten auf Papier vorgestellt werden. Die Ausstellung „Richter/Polke. Umwandlung“ zeigt rund 50 grafische Arbeiten von Gerhard Richter und Sigmar Polke, die zwischen Ende der 1960er- und Mitte der 1970er-Jahre entstanden und aus der Sammlung Heinz Becks stammen. Aufgrund der Lichtempfindlichkeit der grafischen Blätter befinden sich diese die meiste Zeit im Museumsdepot, weshalb einige der Arbeiten zum ersten Mal im Museum zu sehen sein werden.

Ausgangspunkt ist ein im Jahr 1968 entstandener Offsetdruck, eine Gemeinschaftsarbeit von Gerhard Richter und Sigmar Polke. Die beiden Künstler hatten sich 1962 an der Düsseldorfer Akademie kennengelernt. An eben diese Kollaboration knüpft die Ausstellung an und untersucht, inwieweit Veränderung als gestalterisches Element im Schaffen beider Künstler von Bedeutung ist und auf welche Weise sie die Wahrnehmungsstrukturen des Betrachters herausfordert. Was verbindet die Werke, worin unterscheiden sie sich?

Irritation der Wahrnehmung

Dieses Spiel beziehungsweise die Herausforderung der Wahrnehmung steht laut Sammlungskuratorin im Mittelpunkt der Ausstellung, genauer: „Richter thematisiert unterschiedliche visuelle Techniken, wie optische Täuschung oder Manipulation, die die Begrenztheit der Wahrnehmung und Erkenntnismöglichkeit sichtbar machen und damit gleichzeitig deren Unvollkommenheit reflektieren“, erklärt Julia Nebenführ. Polkes Arbeiten wirkten dagegen wie zufällige Kommentare zu Kunst und Gesellschaft: „Sie sind nicht selten von Witz und Ironie getragen und ihre oftmals seltsam anmutenden Text-Bild-Kombinationen dienen als Gestaltungselement zur Irritation der Wahrnehmung.“ ‹

Abstrakte Welten. Zwischen Expressionismus und Konstruktivismus
bis 13. September 2020
Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen
www.wilhelmhack.museum

Richter/Polke. Umwandlung
18. April bis 13. September 2020
Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen
www.wilhelmhack.museum
Bildnachweis:
Sigmar Polke, „Wochenendhaus“, 1967, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen; Gerhard Richter, „Funken“, 1970, Wilhelm-Hack-Museum; August Macke, „Badende Frauen“, 1913; Ernst Ludwig Kirchner, „Bergwald am Mittag, 1920/21

Wilhelm-Hack-Museum

Wahrzeichen des Wilhelm-Hack-Museums ist seine Keramikfassade, die Joan Miró 1980 gestaltete. Heute gilt das Haus als das wichtigste Museum für die Kunst des 20. und 21.Jahrhunderts in Rheinland-Pfalz. Seine Schwerpunkte liegen auf der Klassischen Moderne, aber auch auf der konstruktiv-konkreten Kunst nach 1945. Profilierte Sonderausstellungen, Workshops und ein breit gefächertes Veranstaltungsprogramm machen das Museum zu einem kulturellen Zentrum von Ludwigshafen.
AdresseWilhelm-Hack-Museum // Berliner Straße 23 // 67059 Ludwigshafen // Telefon 0621 5043045 // E-Mail: hackmuseum@ludwigshafen.de
ÖffnungszeitenDienstag, Mittwoch & Freitag 11–18 Uhr // Donnerstag 11–20 Uhr // Samstag, Sonntag & Feiertage 10–18 Uhr
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