Kunsthalle Mannheim

Das große Krabbeln

› „Dann warhafftig steckt die kunst in der natur, wer sie herauß kann reyssen der hat sie“ — diesem Credo Albrecht Dürers folgen viele Darstellungen, die derzeit in der Kunsthalle Mannheim zu sehen sind. Nur durch Zeichnen, durch die akribische Beobachtung in der Kunstproduktion, könne die Schönheit und Perfektion der Natur erschlossen werden. In kaum einem Bereich kommen sich Kunst und Wissenschaft so nahe wie bei Darstellungen von Insekten. Seit der Renaissance werden sie vielfach in Malerei, Zeichnung und Druckgrafik gezeigt. Eher ungewöhnlich ist, dass auch Wissenschaftler*innen durch ihr Bedürfnis nach Detailgenauigkeit höchste ästhetische Ansprüche entwickeln, wie auch die Künstler*innen sich einen überaus wissenschaftlichen Blick angeeignet haben. Insbesondere vom 16. bis ins späte 19. Jahrhundert sind es die Faszination und Begeisterung für die kleinen Lebewesen, die sich in den Darstellungen widerspiegeln.

„Es fällt auf, dass einige, geradezu ikonisch gewordene Arten bis in die heutige Zeit sehr exponiert dargestellt werden. Zu ihnen gehören der Hirschkäfer, die Gottesanbeterin und verschiedene Schmetterlinge, die alle sowohl als religiöse Tiere wie auch aufgrund ihrer besonders prächtigen Erscheinung verehrt werden“, erklärt Kurator Thomas Köllhofer. In den zahlreichen Kompendien wird vor allem die Faszination für die unendliche Vielfalt des größten Artenreichtums deutlich: Tatsache ist, dass die Menschheit eine einzige Art ist, während die Gattung der Insekten rund eine Million verschiedener Arten aufweist.
  • Johann Kaspar Füssli: Mantis precaria, 1775, Foto: Kunsthalle Mannheim
  • Barbara Regina Dietzsch: Distelzweig mit zwei Schmetterlingen, Raupe, Käfer, Libelle und Spinnweben, Ohne Jahr, Foto: Kunsthalle Mannheim
„Insekten werden schon in den frühesten, künstlerisch oder rituell gedachten bildlichen Zeichnungen wiedergegeben. Bei der ältesten bekannten Darstellung eines Käfers handelt es sich um einen kleinen, circa 25.000 bis 30.000 Jahre alten, aus Kohle geformten Käfer“, berichtet Köllhofer. „Wir haben die Spur der Insekten verfolgt und zeigen mit der Schau die Faszination an diesen Tieren und wie sich im Wandel der Zeiten der Blick auf dieses Sujet verändert hat.“

Während man früher versuchte, Insekten, die auch nach dem toten Vorbild gezeichnet wurden, so lebendig wie möglich erscheinen zu lassen, stellt man seit dem 20. Jahrhundert insbesondere in der Kunst meist tote Insekten dar. Diese wurden nicht wie in frühen Stillleben als Vanitassymbol gezeigt, sondern als selbst vom Tod betroffene Wesen, die so auch als Identifikationsobjekt für das Seelenleben der Menschen interpretiert werden können. Außerdem setzen sich Künstler*innen wie auch Gebrauchsgrafiker*innen seit dem 20. Jahrhundert zunehmend mit dem Unbehagen und Ekel auseinander, die zumindest in den westlichen Kulturen die Beziehung des Menschen zu den Krabbeltieren prägen. ‹

Info! Die Ausstellung ist Teil der großangelegten Schau „1,5 Grad. Verflechtungen von Leben, Kosmos, Technik“ (bis 08. Oktober 23), die sich in Form einzelner Fragmente über alle Etagen der Kunsthalle und bis auf das Ausstellungsgelände der Bundesgartenschau 2023 erstreckt. ‹

Das Insekt
Zu Darstellung in (Zeichen-)Kunst und Wissenschaft

bis 20. August 2023
Kunsthalle Mannheim
kuma.art
Bildnachweis:
Jakob Hoefnagel: Insekten, Teil einer Serie, Inschrift 4, 1630, Radierung
Foto: Kunsthalle Mannheim

Kunsthalle Mannheim

Die Kunsthalle Mannheim zählt mit ihren Spitzenwerken von Edouard Manet bis Francis Bacon und ihrem Skulpturenschwerpunkt zu den renommiertesten Sammlungen von deutscher und internationaler Kunst der Moderne und der Gegenwart. Hochkarätige Sonderschauen internationaler zeitgenössischer Kunst vervollständigen das Ausstellungsprogramm. Gezeigt werden sie im Kerngebäude, dem imposanten, frisch sanierten Jugendstilbau von Hermann Billing aus dem Jahre 1907. Bis 2017 entsteht außerdem ein zukunftsweisender Neubau, der die Ausstellungsfläche um rund 1.300 Quadratmetern erweitert.
Terminbis 20. August 2023
AdresseKunsthalle Mannheim // Friedrichplatz 4 // 68165 Mannheim // Tel. 0621 293 6413 // kunsthalle@mannheim.de
ÖffnungszeitenDienstag bis Sonntag 10–18 Uhr, Mittwoch 10–20 Uhr, 1. Mittwoch im Monat 18-22 Uhr (freier Eintritt)
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