Museen Worms

Von Luther bis Mandela

› An diesem Frühlingstag im Jahr 1521 herrscht auf den Plätzen und Gassen von Worms reges Treiben. Der Augustinermönch Luther rollt auf einem Wägelchen durch eine Menge, aus der Beifallrufe, aber auch Verwünschungen dringen. Der Kirchenrebell hat eine Anreise von 600 Kilometern hinter sich und soll auf dem ersten Reichstag, den der nur 19 Jahre alte Karl V. abhält, seine Thesen und Schriften vor den versammelten Reichsständen, Fürsten, Räten, Geistlichen und Botschaftern widerrufen. Der Ausgang dieses Tribunals wird Geschichte schreiben.

„Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. Gleichermaßen muss ihr das Recht zugestanden werden, eine Rednertribüne zu besteigen.“

Olympe de Gouges, 1791


500 Jahre sind seither vergangen. Das Museum der Stadt Worms im Andreasstift lässt zum Jubiläum nicht nur die Erinnerung an Luther und diesen denkwürdigen Tag wiederaufleben. Es zeigt darüber hinaus die Entwicklungsgeschichte von Gewissensfreiheit und Protest anhand zahlreicher Beispiele bis in unsere Gegenwart. Der historische Exkurs gliedert sich in zwei Abschnitte. Im ersten Teil stehen der Auftritt Martin Luthers in Worms und dessen Bedeutung sowie der Mythos im Mittelpunkt. Im zweiten Teil beschäftigt sich die Ausstellung dann mit dem Thema „Gewissensfreiheit und Protest“ selbst — sowohl mit als auch ohne Bezug zu Luthers Wirken.

„Wir haben alle unsre Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind.“

Sophie Scholl, 1940


Neben Martin Luther werden weitere bedeutende Persönlichkeiten gewürdigt, die vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart für ihre Ideale in Wort und Tat mutig und entschlossen eintraten und nicht selten für ihre Zivilcourage mit dem Leben bezahlten. Beispiele hierfür sind die streitbare Schriftstellerin Olympe de Gouges, die sich im 18. Jahrhundert für die Rechte der Frau einsetzte, oder Sophie Scholl, die ihren Mut als junge Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime mit dem Leben bezahlte. Der Mut beider Frauen fesselt uns noch heute.
  • Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021 museum andreasstift worms martin luther
    Stille Zeugen des Protests: In der Womrser Ausstellung ist eine Replik des Lutherschen Reisewagens (Foto C. Weissert) genauso zu sehen wie …
  • Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021 museum andreasstift worms martin luther reichskleinodien karl IV
    … eine Kopie der Reichskleinodien Kaiser Karls des IV. (Foto: Freunde der Waldburg e.V.) oder …
  • Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021 museum andreasstift worms martin luther nelson mandela
    … eine Bibel mit ausgestanztem Pistolenprofil, die man 1976 in der Villa von Winnie Mandela fand. (Foto: Bibelhaus Frankfurt)
Ebenso vertreten sind Vorkämpfer für Gleichberechtigung und Freiheit wie Martin Luther King und Nelson Mandela, aber auch Georg Büchner sowie die Protagonist*innen der friedlichen Revolution, die 1990 zur Wiedervereinigung Deutschlands führte, und viele weitere mehr. „Der gemeinsame Nenner ist immer der Widerstand oder Protest, der auf einer Gewissensentscheidung basiert“, erläutert Dr. Olaf Mückain, Wissenschaftlicher Leiter des Museums im Andreasstift und Kurator, das Konzept.

„Ich habe gegen die weiße Vorherrschaft gekämpft, und ich habe gegen die schwarze Vorherrschaft gekämpft.“

Nelson Mandela, 1964

Rund 200 Exponate umfasst die Ausstellung. Neben Medienstationen und Filmen präsentiert sie Gemälde, Fotografien, Münzen und Dokumente, die Schlüsselsituationen im Leben dieser Menschen darstellen. Von Nelson Mandela stammt zum Beispiel eine Bibel mit einem ausgestanzten Pistolenprofil. Man fand sie 1976 auf einem Kopfkissen in der Villa von Winnie Mandela. In bedrohlichen und schwierigen Situationen Rückgrat zu zeigen und für Gewissensfreiheit zu kämpfen — diese Ideale sind bis heute ein großes Thema. Die Wormser Schau befasst sich zudem mit Bereichen, die in Zukunft eine immer größere Rolle spielen werden, etwa Fragen zur künstlichen Intelligenz oder zu Medizin und Sterbehilfe.

„Ich bin höchst allergisch gegen jede Form von Ungerechtigkeit. Gegen Gewalt. Brutalität, wie ich sie mitansehen musste, bereitet mir körperliche Schmerzen.“

Christian Führer, Bürgerrechtler und ehemaliger Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, 2008


Vorträge und Führungen sowie Workshops und Schulklassenprogramme für die Altersstufen von 13 bis 18 Jahren begleiten die Ausstellung. Das Rahmenprogramm thematisiert unter anderem auch die Herausforderungen, die sich in unserer Zeit für die Gewissensfreiheit ergeben. In der Wormser Magnuskirche, in der bereits 1522 evangelisch gepredigt wurde, wird ein Filmprojekt von Studenten der Filmakademie Ludwigsburg präsentiert. Deren experimenteller Dokumentarfilm „Die unerschrockenen Stimmen“ widmet sich der Frage, wofür Menschen heute gemeinsam einstehen und mit ihrer Stimme bürgen können. 16 ganz unterschiedliche Menschen aus den 16 Lutherstädten wurden dafür nach Worms eingeladen, um gemeinsam 16 Aussagen zu formulieren und diese als Sprechchor vorzutragen. ‹


Hier stehe ich. Gewissen und Protest — 1521 bis 2021
03. Juli bis 30. Dezember 2021
Museum der Stadt Worms im Andreasstift
www.worms2021.de
Bildnachweis:
Eichfelder Artworks (Visual

Museen Worms

Die Wormser Museen erinnern an die große Geschichte der Stadt: Das Nibelungenmuseum inszeniert den alten Mythos von seinen Anfängen bis in die Gegenwart. Das Museum der Stadt im Andreasstift und das Jüdische Museum widmen sich der bewegten Wormser Vergangenheit. Und mit einer besonderen Kunstsammlung zeichnet sich das Museum Heylshof aus.
AdresseMuseum der Stadt Worms // Andreasstift // Weckerlingplatz 7 // 67547 Worms
ÖffnungszeitenMO: geschlossen (außer 1.11. und 27.12.), Di-So & Feiertage: 10-18 Uhr (außer 24.+ 25.12.)
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