Museen Worms

Eine Sternstunde der Zivilcourage

› Herr Dr. Mückain, was feiert Worms 2021?
Im Jahr 1517 forderte der Mönch Martin Luther mit seinem „Thesenanschlag in Wittenberg“ die Kirche dazu auf, sich selbst zu hinterfragen. Vier Jahre lang tobte daraufhin ein vor allem innerkirchlicher Streit über die Frage, ob und wie man diese Kritik Luthers werten müsse. Er endete mit der Exkommunikation des Reformators. 1521 bekam dieser Konflikt dann seine gesellschaftspolitische Dimension, denn Martin Luther sollte vor dem Reichstag in Worms vor den versammelten Fürsten und dem Kaiser seine Thesen widerrufen. Er weigerte sich — und so wurde dieser wagemutige Auftritt zu einer Sternstunde für Werte wie Haltung und Zivilcourage.

Wie kann Luthers Widerrufsverweigerung als Protest und als ziviler Widerstand gedeutet werden?
Grundsätzlich ist es natürlich schwierig, vor unserem heutigen Zeit- und Verständnishorizont Luther und seine Zeitgenossen zu beurteilen. Es ist immer Interpretation mit im Spiel. Aber 1521 waren Kirche und Staat nicht so klar zu trennen und Luther stand in Worms eben nicht nur vor dem Papst, sondern auch vor dem Kaiser. Und ihm drohte nach der Exkommunikation nun auch die Reichsacht, was bedeutete, dem Tod geweiht zu sein.
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Die Landesausstellung befasst sich auch mit weiteren Vertretern des Protests — wie hat man sich das vorzustellen?
Wir präsentieren neben Martin Luther weitere bedeutende Persönlichkeiten, die seit dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart für ihre Ideale in Wort und Tat mutig und entschlossen eintraten und nicht selten für ihre Zivilcourage auch mit dem Leben be-zahlten. Die streitbare Schriftstellerin Olympe de Gouges oder die junge Sophie Scholl fesseln uns noch heute mit ihrem Mut und werden in der Sonderausstellung durch Exponate, Dokumente und Schlüsselsituationen ihres Lebens vorgestellt. Ebenso vertreten sind Vorkämpfer für Gleichberechtigung und Freiheit wie Martin Luther King, Nelson Mandela, Georg Büchner, die Protagonistinnen und Protagonisten der friedlichen Revolution, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führte, und viele weitere. Der gemeinsame Nenner ist immer der Widerstand oder Protest, der auf einer Gewissensentscheidung basiert.

Gibt es auch Bezüge zur Gegenwart in der Ausstellung?
Die Ausstellung befasst sich auch mit künstlicher Intelligenz und Gesundheitsfragen, die für uns heute, morgen und übermorgen lebensentscheidend sind. Es geht unter anderem um rechtliche und ethische Fragen bei der Entscheidungsfindung mithilfe von Technik sowie um ärztliche Schweigepflicht und Sterbehilfe.

Was macht die Ausstellung besonders sehenswert?
Dass in der Ausstellung existenzielle Fragen an Individuum und Gesellschaft gestellt werden, die über mehr als 500 Jahre hinweg aktuell geblieben sind. Wir stellen beeindruckende Persönlichkeiten aus unterschiedlichen kulturellen, geografischen und religiösen Zusammenhängen und beider Geschlechter und verschiedenen Alters vor — und das sowohl mit traditionellen musealen Mitteln als auch mit moderner Technik. Die Ausstellung zeigt die Vorbilder, ohne deren Schattenseiten zu verschweigen, und stellt mehr Fragen, als sie beantworten kann. Das bleibt den Besucherinnen und Besuchern überlassen. ‹


Hier stehe ich. Gewissen und Protest — 1521 bis 2021
03. Juli bis 30. Dezember 2021
Museum der Stadt Worms im Andreasstift
www.worms2021.de


Das Lutherjahr
„Hier stehe ich und kann nicht anders. Amen“ gilt als der bekannteste Satz Martin Luthers, obwohl er diesen so nie gesagt hatte. Und dennoch war der Wormser Reichstag im Jahr 1521, auf dem Luther sich weigerte, seine Schriften und Thesen zu widerrufen, ein epochales Ereignis, das bis heute die protestantische Tradition prägt. Aus diesem Anlass hat die Stadt Worms gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sowie weiteren Akteuren im Lutherjahr ein umfangreiches Programm auf die Beine gestellt. Ein Highlight dabei ist die Landesausstellung „Hier stehe ich. Gewissen und Protest — 1521 bis 2021“ im Museum im Andreasstift, die von Martin Luther bis hin zu Sophie Scholl, Nelson Mandela und zur künstlichen Intelligenz führt.
Bildnachweis:
Eichfelder Artworks/KVG Worms

Museen Worms

Die Wormser Museen erinnern an die große Geschichte der Stadt: Das Nibelungenmuseum inszeniert den alten Mythos von seinen Anfängen bis in die Gegenwart. Das Museum der Stadt im Andreasstift und das Jüdische Museum widmen sich der bewegten Wormser Vergangenheit. Und mit einer besonderen Kunstsammlung zeichnet sich das Museum Heylshof aus.
TerminSA 03. Juli bis DO 30. Dezember 2021
AdresseMuseum der Stadt Worms // Andreasstift // Weckerlingplatz 7 // 67547 Worms
ÖffnungszeitenDienstag bis Sonntag 10–18 Uhr
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