Festspiele Ludwigshafen

Von König Lear bis Donald Trump

› Vor der Fernsehkamera ist er der ruppige Kommissar Butsch in der Krimiserie „Wolfsland“. Die Besucher des Hamburger Schauspielhauses kennen Götz Schubert jedoch auch als großartigen Komödiendarsteller in „Ab jetzt“. Mit diesem Stück des britischen Theaterautors Alan Ayckbourn kommt er nun nach Ludwighafen. Schubert spielt darin den maschinensüchtigen Komponisten Jerome. Nach der Trennung von Frau und Tochter verschanzt sich dieser mit einem weiblichen Roboter hinter den Fensterläden seiner Londoner Vorstadtwohnung.

Schauspielgrößen live zu erleben, ist ein wichtiger Aspekt der Ludwigshafener Werkschauen. „Wir möchten das Beste bieten und dazu gehören natürlich große Schauspieler“, erläutert Intendant und Festivalleiter Tilman Gersch. Zu den ganz Großen sowohl auf den Theaterbrettern als auch im Film zählt Edgar Selge. Für die Darstellung des prinzipienlosen Literaturwissenschaftlers François aus Houellebecqs „Unterwerfung“ wurde der mittlerweile 71-Jährige 2016 als „Schauspieler des Jahres“ geehrt. Bei den Festspielen gastiert er jetzt als König Lear. Die Rolle des alternden Monarchen, der seinen Bedeutungsverlust nicht erträgt und in eine Scheinwelt flieht, interpretiert Selge sehr modern.

Jelinek und Shakespeare

Regie führt Schauspielhaus-Intendantin und Shakespeare-Expertin Karin Beier. Die 53-jährige Theaterfrau leitet seit sechs Jahren die Hamburger Vorzeigeadresse für Schauspielkunst. Ihre Bilanz kann sich sehen lassen: Jedes Jahr kommen mehr Zuschauer, die Inszenierungen des größten Sprechtheaters Deutschlands werden zu den wichtigsten Festivals eingeladen und mit Preisen überhäuft. Das Erfolgsrezept? „Sie packt große Stoffe an und scheut sich nicht, den Formenkanon auf ansprechende Weise zu transportieren. Man hat nie das Gefühl, etwas Altbackenes zu sehen“, findet Gersch. Bei den letztjährigen Festspielen wurde Beiers vielbeachtete Inszenierung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ präsentiert. Beide Vorstellungen waren bis auf den letzten Platz gefüllt.
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    Edgar Selge spielt in der Inszenierung von "König Lear"
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    vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg …
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    unter der Regie von Intendantin und Shakespeare-Expertin Karin Beier.
Zu den größten Theaterereignissen der letzten Zeit gehört sicherlich „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek, das in der Uraufführung von Falk Richter im Pfalzbau zu sehen ist. Noch in der US-amerikanischen Wahlnacht hatte die Literaturnobelpreisträgerin angefangen, an diesem Text zu schreiben. Er handelt von Trump, obwohl dessen Name im Stück kein einziges Mal fällt. Auch hier fährt das Schauspielhaus ein Staraufgebot auf — mit Ilse Ritter als Alter Ego von Jelinek, der Comedienne Idyl Baydar und Benny Claessens, der für die Hauptrolle zum Schauspieler des Jahres 2018 gekürt wurde. In hohem Tempo rasen die Darsteller durch soziale Netzwerke und Suchmaschinen, wechseln zwischen Kasperletheater und Muppet-Show. Und inmitten dieses Text- und Videogewitters, das dreieinhalb Stunden über die Bühne tost, sitzt ein blinder König in seinem goldenen Turm auf einem goldenen Stühlchen — und bringt die Pest. „Es ist das Stück der Stunde — inhaltlich, politisch und künstlerisch“, betont Festivalleiter Gersch.

Ein Festival mit Enthusiasmus

Ebenfalls sehr innovativ ist das Hamburger Theaterexperiment mit Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“. Die Regisseurin Barbara Bück und der Musiker und Schauspieler Clemens Siebknecht erzählen die Geschichte von der 17-Jährigen, die mit einem 20 Jahre älteren Baron verheiratet wird, auf besondere Weise. In „Effi Briest — allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ wird der Fall im Format einer Radioshow rekonstruiert. In Samtsesseln, mit Headsets, Pullunder und Satinblouson singt und albert sich das Ensemble durch die komplizierte Beziehung von Mann und Frau. „Das wirklich Erstaunliche an der scheinbaren Verhohnepipelung ist, dass Geschichte, Konflikte und Stimmungen dieses protestantischen Unliebesromans vollkommen sicher getroffen werden“, schrieb die Süddeutsche Zeitung über das Stück, das 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Wenn sich am 26. Oktober der Vorhang für König Lear hebt, liegt eine intensive Vorbereitungsphase hinter dem Festivalteam. „Viel reisen, Netzwerkarbeit und der Mut, Geld in die Hand zu nehmen“, nennt Gersch die Eigenschaften, die notwendig sind, um ein so hochkarätiges Festival zu stemmen. Doch der gute Ruf des Theaters im Pfalzbau über die Grenzen der Kulturregion Rhein-Neckar hinaus erleichtert die Arbeit. „Die großen Häuser sind mit Enthusiasmus dabei“, freut sich der Intendant. Sie wissen, dass sie in Ludwigshafen ein interessiertes und begeisterungsfähiges Publikum haben und fühlen sich durch unsere Werkschauen geehrt und geschmeichelt.“ ‹

Festspiele Ludwigshafen

TerminFR 18. Oktober bis SA 14. Dezember 2019
AdressePfalzbau Bühnen // Berliner Straße 30 // 67059 Ludwigshafen // Kartentelefon: 0621 5042558 // E-Mail: pfalzbau.theaterkasse@ludwigshafen.de
SpielortePfalzbau Bühnen
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    Die Dreigroschenoper
    Surreale Bilder und eigenwillige Kostüme zu einem dichten Gesamtkunstwerk zu komponieren – darin ist Theatererneuerer Robert Wilson ein Meister. Jetzt hat er mit dem Berliner Ensemble die nach Meinung vieler Kritiker beste „Dreigroschenoper“ der letzten Jahre inszeniert. Dazu brillante Darsteller wie Jürgen Holtz und Angela Winkler und die herrlich schräge Musik von Kurt Weill.
    09. November, 19.30 Uhr, 10. November, 18 Uhr & 11. November 19 Uhr, ­Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen
  • Das sollten Sie nicht verpassen

    Götz von Berlichingen
    In einer kompakten Fassung für sieben Spieler untersucht Tilmann Gersch den Mythos des Querkopfes mit der ­eisernen Faust und dem goldenen Herzen. Vier Schauspieler und drei junge Männer aus Ludwigshafen erzählen Goethes frühes Sturm-und-Drang-Stück auf ihre ­Weise. Sie zeigen die Ambivalenz des Ritters zwischen Unbelehrbarkeit und Selbst­überschätzung sowie optimistischer Kraft und entwaffnender Anarchie.
    22. November & 23. November, ­jeweils 19.30 Uhr, Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen
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