Festspiele Ludwigshafen

Großes Theater

› Auf den internationalen Bühnen wird Kirill Serebrennikov gefeiert. In seiner Heimat kämpft er jedoch seit Jahren gegen Repressalien und Gerichte. Die bunten frechen Inszenierungen des Film- und Theaterregisseurs, der ursprünglich Physik studiert hat, gerieten schnell ins Fadenkreuz der russischen Behörden. Zu einem seiner spektakulärsten Projekte zählt „Machine Müller“. Inszeniert hat er das Heiner Müller gewidmete Stück am Gogol Center Moskau, das damit jetzt in Ludwigshafen gastiert. „Mit einem überwältigenden Bilderreigen erzählt die Theaterperformance von der Weltkatastrophe, vom menschlichen Körper, vom Theater und von der Unausweichlichkeit der Liebe“, schwärmt Intendant und Festivalleiter Tilman Gersch.

Kapstadt zu Gast in Ludwigshafen

Vom östlichen Rand Europas geht es weit nach Süden mit der Einladung von „Das Leben des Michael K.“, einem Stück nach einem Roman des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee aus dem Jahr 1983. Dieser beschreibt darin sein Heimatland, wie es nach dem Ende der Apartheid in einen Bürgerkrieg abgleitet. Lara Foot, die Leiterin des Baxter Theaters in Kapstadt, hat den Stoff mit ihrem Ensemble und großen Puppen inszeniert. Zur Eröffnung des Festivals „Theater der Welt“, das dieses Jahr in Düsseldorf stattfand, war die Produktion über Video zugeschaltet. Jetzt ist sie live in Ludwigshafen zu erleben.
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    Volles Programm: „Machine Müller“ des russischen Film- und Theaterregisseurs Kirill Serebrennikov wird im Pfalzbau ebenso zu sehen sein wie …
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    … die Inszenierung „Das Leben des Michael K.“ (Foto: Lex Karelly) des Baxter Theaters in Kapstadt oder …
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    … wie Leo Tolstois Roman „Anna Karenina“ (Foto: Matthias Horn), den Barbara Bürk und Clemens Sien­knecht am Schauspielhaus Hamburg für die Bühne adpatiert haben.
Gespannt sein kann man auch auf zwei Produktionen von Intendant Gersch. Neben „Nathan der Weise“, das in Kooperation mit dem Beethovenchor Ludwigshafen entstand, wird auch seine Inszenierung von Shakespeares „Sturm“ gezeigt. Eine neue Perspektive auf Leo Tolstois „Anna Karenina“ bieten Barbara Bürk und Clemens Sienknecht. Sie haben die 1.000 Seiten Weltliteratur für das Schauspielhaus Hamburg in ein handliches Format gesteckt: eine fiktive Hörfunk-Show, in der die Figuren des Ehebruch-Klassikers unterhaltsam parodiert werden. Es ist der letzte Teil der Trilogie „Berühmte Seitensprünge der Weltliteratur“. Zuvor hatte das Regie-Duo schon „Effi Briest“, das bereits in Ludwigshafen zu sehen war, und „Madame Bovary“ komödiantisch modifiziert.

Lulu mit drei Frauen

Ebenfalls neue Wege geht Bastian Kraft bei der Inszenierung von Frank Wedekinds „Lulu“ am Münchner Residenztheater. Der Regisseur unterläuft geschickt gängige Erwartungen und Klischees vom männermordenden Vamp, indem er die Lulu-Rolle auf die drei Schauspielerinnen Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab verteilt, die gleichzeitig auch alle männlichen Parts übernehmen. „Dieses Stück nur mit drei Frauen zu besetzen, ist ein Vergnügen auf der Höhe der Zeit“, findet Gersch.

Für heitere und poetische Momente sorgt Olivier Py, der das berühmte Festival von Avignon leitet, mit seinem Abend „L’ Amour Vainquer“. Er schildert, wie zwei Königskinder ihr Liebes-Happyend erreichen. Hochpolitisch arbeiten hingegen die Nestroy-Preisträger Nikolaus Habjan und Simon Meusburger die historischen Dokumente zum Schicksal von F. Zawrel auf. Als „erbbiologisch und sozial minderwertig“ war er im Nationalsozialismus Misshandlungen und Experimenten ausgeliefert.Ein nuancierter Spielplan mit hochkarätigen Produktionen — die Festspiele-Besucher*innen dürfen sich auch in diesem Jahr auf großes Theater freuen. ‹


Festspiele Ludwigshafen
07. Oktober bis 12. Dezember 2021
Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen
www.theater-im-pfalzbau.de

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    Tilman Gersch (Foto: Joachim Werkmeister)

„Ein besserer Kitt als Konfrontation“

Warum brauchen wir Liebe? In der neuen Veranstaltungsreihe „Ovel Eibel“ widmen sich renommierte Gäste aus Kunst, Wissenschaft und Praxis dem Gefühl inniger Zuneigung. Dazu gibt es Konzerte und Lesungen.

Ovel/Eibel, was bitte bedeutet dieser Titel, Herr Gersch?
Dahinter verbergen sich die Worte LOVE und LIEBE. Ein schönes Wortspiel, das zum Verweilen und Nachsinnen einlädt.

Für die Kunst ist Liebe eine Angelegenheit des Herzens, für die Wissenschaft eine vom Glückshormon Dopamin gesteuerte Reaktion des Gehirns. Ist dem noch etwas hinzuzufügen?
Ich glaube, es hat auch eine gesellschaftliche und politische Dimension. Wie wollen wir gemeinsam miteinander sprechen, wie Gräben überwinden oder wenigstens Grenzen sichtbar machen und nicht weiter im Umgang verhärten? Zuwendung und Liebe sind ein besserer Kitt als Konfrontation. Deswegen begrüße ich den Titel der drei Kurator*innen sehr.

Die Moderatoren haben ihre Wurzeln im arabischen Kulturkreis. Was erhoffen Sie sich von deren Perspektive?
Guy Dermosessian, Özlem Avci und Moha-mmad Poori haben ihre familiären Wurzeln im arabischsprachigen Raum. In Ludwigshafen leben viele Menschen mit ähnlichen Biografien. Ich erhoffe mir einen guten Austausch und möchte dem Anspruch näherkommen, ein Theater für die ganze Stadt zu sein.

Ovel Eibel — Kollektive Annäherungsversuche, 07. Oktober bis 04. Dezember 2021, kuratiert von Özlem Avcı, Guy Dermosessian und Mohammad Poori.
Gäste sind u. a. die Künstlerin und Aktivistin Promona Sengupta, der deutsch-vietnamesische Künstler und Performer Minh Duc Pham, der Kulturwissenschaftler und Podcaster Sung Un Gang, die Künstlerin und Kulturelle Bildnerin Sarah Fartuun Heinze, die Spoken-Word-Künstlerin und Sozialpädagogin Emilene Wopana Mudimu, die Autoren Lubi Barre und Dan Thy Nguyen, die Musiker Yerin und Noah aus Hamburg mit ihrer Band Noyebang.
www.theater-im-pfalzbau.de
Bildnachweis:
Birgit Hupfeld (Lulu) / Gogol Center Moskau (Maschine Müller)

Festspiele Ludwigshafen

Die Festspiele Ludwigshafen sind eine feste Größe im Programm des Theaters im Pfalzbau. Jedes Jahr im Herbst präsentieren sie Schauspiel- und Tanzaufführungen auf höchstem Niveau. Neben einem hochkarätigen Tanzprogramm, das von einem externen Kurator oder einer Kuratorin ausgewählt wird, steht bei den Festspielen auch alljährlich eine renommierte deutschsprachige Bühne im Fokus, die sich mit mehreren Gastspielen in Ludwigshafen präsentiert. So waren in den vergangenen Jahren unter anderem das Wiener Burgtheater, die Münchener Kammerspiele oder das Deutsche Schauspielhaus Hamburg mit ihren Inszenierungen zu Gast.
AdressePfalzbau Bühnen // Berliner Straße 30 // 67059 Ludwigshafen // Kartentelefon: 0621 5042558 // E-Mail: pfalzbau.theaterkasse@ludwigshafen.de
SpielortePfalzbau Bühnen
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