Festspiele Ludwigshafen

Drei Münchner und ein Hamburger

› Tagsüber wirkt alles ganz irdisch. Touristenbusse halten hier, Radfahrer klingeln sich den Weg frei und Fußgänger schleppen ihre Einkaufstüten über den Max-Joseph-Platz, die Adresse des Residenztheaters. Doch wenn die Besucher nach der Vorstellung hinaustreten, ist es, als würden sie in eine Märchenwelt eintauchen. Die historischen Gebäude rund um den Platz sind dezent illuminiert und leuchten in Pastell. Den Glanz, den das Residenztheater versprüht, können die Besucher jetzt in Ludwigshafen erleben. In einer Werkschau präsentieren die Festspiele vier Produktionen der renommierten Bühne. „Das Residenztheater München habe ich gewählt, weil es eines der bedeutendsten deutschsprachigen Schauspielhäuser ist. Es hat wunderbare Darsteller und eine hohe Spielkultur“, erläutert Tilman Gersch, der Intendant des Theaters im Pfalzbau und Festspielleiter.

„Es ist paradiesisch in München“
Mit dieser Werkschau begleiten die Ludwigshafener die Abschiedstournee von Martin Kušej. Der Intendant verlässt das Haus 2019 und übernimmt das Wiener Burgtheater. Eine Trennung, die ihm wohl nicht ganz leicht fällt. „Es ist paradiesisch in München“, schwärmte der österreichische Theatermann in einem Interview. Aber man müsse sich dann neuen Herausforderungen stellen, wenn es richtig gut laufe. Mit seinem Bekenntnis zum klassischen Staatstheater hat er in der bayerischen Landeshauptstadt die Säle gefüllt.

In Ludwigshafen wird unter anderem das Erfolgsstück „Geächtet“ des amerikanisch-pakistanischen Autors Ayad Akhtar zu sehen sein: Es spielt kurz nach dem 11. September. In schnellen und bissigen Dialogen wird geschildert, wie ein karriereorientierter, perfekt assimilierter Anwalt mit pakistanischen Eltern am täglichen Rassismus nach dem Anschlag scheitert.

Schauspielern und lebensgroße Puppen
Beim 60er-Jahre-Beziehungsdrama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ hat der Chef selbst Hand angelegt. Kušej verzichtet auf jeden Wohnzimmerrealismus. Die Bühne besteht nur aus einer weißen Wand, die knapp vor der Rampe emporragt. Auf diesem schmalen Grat agieren die Darsteller, Bibiana Beglau als Martha und Norman Hacker als George. Ein weiteres Highlight auf dem Spielplan der Festspiele ist Mateja Koležniks Inszenierung von „Tartuffe“. Die slowenische Regisseurin hat Molières Komödie auf 75 Minuten eingedampft. Auf einer holzvertäfelten Treppe spielt die bizarre Handlung über einen moralisch-religiösen Eiferer, der in einem gutbürgerlichen Haus wütet. Mit von der Partie: Sophie von Kessel als Orgons Ehefrau Elmire. Gastspiel Nummer vier aus dem Residenztheater ist Pierre Carlet de Marivaux’ Komödie „Der Streit“. Nikolaus Habjan hat das Experiment, das die Ursprünge der menschlichen Untreue erforschen soll, mit Schauspielern und lebensgroßen Puppen inszeniert.

München pflegt seine Widersprüche. Das zeigt sich darin, dass an der zweiten großen Schauspielbühne, den Kammerspielen, Matthias Lilienthal auf dem Chefsessel sitzt. Ein Rebell, der das Theater als politischen Ort betrachtet. Eine Produktion aus seiner Werkstätte reist ebenfalls nach Ludwigshafen: „Die Selbstmordschwestern“. Den Stoff des amerikanischen Schriftstellers Jeffrey Eugenides über fünf Schwestern, die einen radikalen Beschluss fassen, nutzte Regisseurin Sofia Coppola für ihren Debütfilm. Susanne Kennedy verlegt den Psychotrip auf die Bühne. „Eine aufregende ungewöhnliche Theaterinstallation, ein genreübergreifendes faszinierendes Ereignis“, ist Gersch begeistert.

Wiedersehen mit Andrea Gronemeyer
Mit der Münchner Schauburg gastiert zum ersten Mal ein Kinder- und Jugendtheater bei den Festspielen. Dort ist die langjährige Chefin des Mannheimer Schnawwl Andrea Gronemeyer jetzt Intendantin. Ihre Inszenierung des genreübergreifenden Projektes „Tanz Trommel“ führt in die Welt der Töne und der Bewegung. Ebenfalls aus ihrem Haus kommt das Gastspiel „Ich lieb dich“ von Kristo Šagor. Lesungen von bekannten Schauspielern wie Brigitte Hobmeier und Josef Bierbichler setzen weitere Glanzlichter. Den München-Schwerpunkt findet Intendant Gersch auch aus historischer Perspektive reizvoll. „Die Pfalz war einmal bayerische Provinz und ein bayerischer König stand für den Stadtnamen Pate. Daher ist es ein charmanter Zug, die bayerische Kunstmetropole für die Festspielzeit nach Ludwigshafen zu verlegen“, betont er.

Sein Blick richtet sich allerdings auch in die entgegengesetzte Himmelsrichtung: Mit Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ schmuggelt sich ein norddeutscher Solitär unter den Münchner Theaterreigen. Intendantin Karin Beier hat das Stück am Deutschen Schauspielhaus Hamburg inszeniert. Die Rolle des Shylock spielt der bekannte Schauspieler und Buchautor Joachim Meyerhoff. ‹


Volles Programm

Neben Schauspiel-Gastspielen präsentieren die Festspiele Ludwigshafen auch in diesem Jahr ein spannendes Programm mit internationalen Tanzproduktionen und Konzerten. Drei Highlights.

Ballet National de Marseille
Zum Auftakt der Festspiele gibt es einen Doppelabend mit zwei Produktionen des Nationalballetts aus Marseille. Seit 2014 leiten es die beiden Ausnahmekünstler Emio Greco und Pieter C. Scholten, die an der Schnittstelle von klassischem und postmodernem Tanz arbeiten. Ihr „Extremalism“, das zusammen mit einer Bolero-Version der russischen Tänzerin und Choreografin Bronislava Nijinska zu sehen ist, beschäftigt sich mit der Frage, wie der Körper auf extreme Situationen reagiert.
26. & 27. Oktober 2018, jeweils 19.30 Uhr, Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen
  • Ballet National de Marseille
    Ballet National de Marseille
Hofesh Shechter Company
Der 43-jährige Israeli Hofesh Shechter ist dafür bekannt, dass er bedrohliche, düstere und zugleich wunderschöne Szenarien schafft. In Ludwigshafen präsentiert er sein Tanzstück „Grand Finale“, das trotz apokalyptischer Züge einen amüsanten Kern hat. Es umkreist große Themen unserer Zeit: Hunger, Wohlstand, Stress, Flucht, Digitalisierung.
21. & 22. November 2018, jeweils 19.30 Uhr, Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen

Ballett Basel
Das Carmen-Ballett in der herrlich verspielten Fassung von Johan Inger. Im Mittelpunkt steht das bekannte Drama von Liebe und Eifersucht. Doch wählt der schwedische Choreograf nicht allein die Perspektive der weiblichen Protagonistin. Er konzentriert sich auch auf Don José. Das Handlungsballett erhielt 2016 den Benoir-de-la-Danse-Preis.
01. Dezember 2018, 19.30 Uhr, & 02. Dezember 2018, 18 Uhr, Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen
Bildnachweis:
Matthias Horn (Der Kaufmann von Venedig); ICK Amsterdam

Festspiele Ludwigshafen

TerminDO 25. Oktober bis SO 16. Dezember 2018
AdressePfalzbau Bühnen // Berliner Straße 30 // 67059 Ludwigshafen // Kartentelefon: 0621 5042558 // E-Mail: pfalzbau.theaterkasse@ludwigshafen.de
SpielortePfalzbau Bühnen
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