Wunder der Prärie

„Autonomie ist ein männliches Konzept“

› Frau Herder, was interessiert Sie am Thema Autonomie?
Es gibt ein autobiografisches Interesse, weil ich in Katalonien groß geworden bin und miterlebt habe, wie die Unabhängigkeitsbewegung immer stärker wurde. Deshalb war ich sensibilisiert dafür, wo so etwas in Europa noch passiert, und habe angefangen zu vergleichen, wie in verschiedenen Regionen für Unabhängigkeit argumentiert wird.

Sie stehen mit zwei Kolleginnen auf der Bühne. War es Ihnen wichtig, dass Frauen die Protagonistinnen sind?
Es war eine bewusste Entscheidung. Ich glaube, dass Autonomie ein sehr männlich konnotiertes Konzept vom Sefmade-Individuum ist, das eine universelle Wahrheit hat und danach entscheidet. Daher stellt sich die Frage, ob das Weibliche in der Wahrnehmung gar nicht so sehr auf Autonomie basiert, sondern viel stärker auf Abhängigkeiten und Netzwerken.

Sie sind für dokumentarisches Theater bekannt. Wie sind Sie bei diesem Projekt vorgegangen?
Wir sind nach Katalonien und Nordmazedonien gefahren und haben mit Personen gesprochen, die dort für die Unabhängigkeit kämpfen. Diese Interviews haben wir im Auto geführt. In die Ukraine oder auf die Krim fahren wir zurzeit nicht. Von dort haben wir dokumentarisches Material, das Alla Poppersoni gesammelt hat. Sie hat einen Bezug zu dieser Region.

Warum interviewen Sie im Auto?
Weil es sinnbildlich steht für dieses Autonomieverständnis, für diese Form von Individualität. Das Auto ist ein maximaler Ausdruck unserer Zivilisation, unseres Autonomiebestrebens, eines Freiheitsverständnisses. Wir haben eine Recherche auf YouTube gemacht und uns dort Imagefilme zu Automarken angeschaut. Meist sind darin Männer zu sehen — mit Dreitagebart, die freiheitsliebend und wild aussehen. Mit ihrem Wagen fahren sie querfeldein und brauchen noch nicht mal eine Straße. Natürlich wird nie thematisiert, was für eine Infrastruktur hinter dem Auto steht. Für uns war es ein Gimmick, die Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung ans Steuer zu setzen und sie während der Fahrt zu interviewen. Die Videos zeigen wir auf vier Screens auf der Bühne, auf denen das Videomaterial zu sehen sein wird. Dazwischen agieren wir zu dritt und kommentieren es.

Die Katalanen beanspruchen für sich, am erbittertsten gegen Franco gekämpft zu haben. Nationalismus spielt aber durchaus auch eine Rolle oder?
Für Katalonien ist es schwer, ein klares Statement abzugeben. Die Autonomiebewegung ist fragmentiert. Dass Katalonien die Region ist, die sich am vehementesten gegen das Franco-Regime gewehrt hat, ist nicht mehr als eine Narration. Die Widerstands-Hochburg war tatsächlich Madrid. Was die Unabhängigkeitsbewegung angeht, ist Spanien als Feind eine ganz wichtige Komponente. Dabei wehren sich die Katalanen gegen die Behauptung, nationalistisch oder völkisch zu sein. Sie haben aber letztlich ein sehr ethnisches Konzept und unterscheiden sich darin nicht von anderen nationalistischen Bewegungen. Es gibt dort jedoch keine Fremdenfeindlichkeit. Die Katalanen sind tendenziell links und alternativ. Sie wünschen sich einen starken Sozialstaat und glauben, dass sich dies mit einem kleineren Staat verwirklichen ließe. ‹

Auto-nomie. Eine Geschichte über unabhängiges Bewegen
Performance von andpartnersincrime
26. & 28. September 2019, 21 Uhr
zeitraumexit, Mannheim
www.wunderderpraerie.de

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TerminDO 19. bis SO 29. September 2019
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