Wunder der Prärie

Ich geb Gas, ich will Spaß

› Will der Mensch das wirklich? Nicht mehr selbst das Steuer halten? Das Auto gilt doch immer noch als das Symbol für Freiheit. Und warum sind bisher nur 100.000 Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs, während gleichzeitig mehr SUVs als je zuvor verkauft werden? Das Auto wird geliebt und verehrt, aber auch verteufelt und verdammt. Befürworter und Gegner liefern sich leidenschaftliche Debatten. Bei „Wunder der Prärie“ soll es nicht um Grenzwerte und Fahrverbote gehen. Die Festivalmacher suchen vielmehr einen künstlerischen Weg und analysieren, welche psychologische und kulturelle Dynamik hinter all den Widersprüchen steckt. Eine Erklärung dafür, warum uns dieses Vehikel auf vier Rädern so fasziniert, findet der Leiter von zeitraumexit, Jan-Philipp Possmann, in den Sehnsüchten der Moderne. In der Massengesellschaft wünsche sich der Einzelne, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sich vor der Außenwelt zu schützen. „Das Auto ist die perfekte Antwort auf das Problem, in Massen zu leben“, betont er. „Damit kann man in der Menge und trotzdem für sich sein.“

Wie dieses Bedürfnis nach Privatheit im wahrsten Sinne des Wortes Kollisionen verursacht, stellt der Architekt und Künstler Martin Kaltwasser in seiner Skulptur „Crushed Cayenne“ dar. Er hat zwei Porsche in Originalgröße aus Fundholz zusammengeschraubt und wie nach einem Unfall ineinander verkeilt. Während des Festivals sind die lädierten Luxuslimousinen bei zeitraumexit zu sehen. Außerdem hält Kaltwasser einen von mehreren Workshops ab. Partizipative Kunst ist eine Besonderheit bei dieser Ausgabe von Wunder der Prärie: Jeder, der möchte, kann zu Hammer und Schraubenschlüssel greifen. „Wenn es um Autos geht, dazu in der Stadt, in der sie erfunden wurden, muss auch etwas gebaut werden“, ist Possmann überzeugt. Unter der Anleitung von Kaltwasser basteln die Teilnehmer aus einem Autowrack zwei bullige Fahrräder.

Was Mannheim für die Erfindung des Autos ist, bedeutet Detroit für dessen Massenproduktion. In der US-Stadt an der Grenze zu Kanada lebt der in Zimbabwe geborene Künstler Chido Johnson. In seinen Arbeiten befasst er sich mit den kulturellen Transfers und Einflüssen zwischen den USA und dem südafrikanischen Land. Seine „Wire Cars“ — Mini-Autos aus Metalldrähten — sind inspiriert von der Improvisationslust der Afrikaner und dem Detroiter Lebensgefühl. In der Industriemetropole sind Autos ein Symbol der afroamerikanischen Musikkultur und der Jugendkultur. In Mannheim zeigt Johnson in einem Workshop, wie aus einfachen Drähten Traumautos entstehen können. Alles ist möglich vom Boliden bis zum Sattelschlepper, und jeder kann mitmachen. Zum Abschluss ist eine Parade der selbstgebauten Draht-Gestelle durch die Stadt geplant. Einen weiteren Workshop organisiert die Gruppe Screwing Bitches. Das Motto lautet: Frauen reparieren Autos selbst. Die Künstlerinnen, die auf YouTube als DIY-Schrauberinnen bekannt sind, bringen damit eine feministische Perspektive ein.
  • Wunder der Prärie, Chido Johnson
    In seinen Arbeiten befasst sich der Künstler Chido Johnson mit den kulturellen Transfers und Einflüssen zwischen den USA und Zimbabwe. Seine „Wire Cars“ – Mini-Autos aus Metalldrähten – sind inspiriert von der Improvisationslust der Afrikaner und dem Detroiter Lebensgefühl.
  • Wunder der Prärie, Chido Johnson
    Bei einem Workshop zeigt Johnson wie aus einfachen Drähten die Wire Cars entstehen. Zum Abschluss ist eine Parade durch die Stadt geplant.
  • Schrauberinnen und Feministinnen: Die Screwing Bitches zeigen in einem Workshop wie frau Autos repariert.
  • Auf YouTube kann von den Frauen aus Düsseldorf noch einiges in Tutorials lernen.
Doch zum Auto gehören nicht nur die Karosserie, sondern auch die Laute, die es von sich gibt. Das Röhren, Stottern oder Aufheulen des Motors, das Quietschen der Reifen und das Getöse der Hupe. Sie vermischen sich zum Sound der Städte. Da drängt sich eine Zukunftsfrage auf: Wie klingen unsere urbanen Räume, wenn der letzte Verbrennungsmotor auf dem Autofriedhof entsorgt ist? Wenn nur noch die schweigsamen E-Mobile über unsere Straßen schnurren? Die Musikerin, Regisseurin und Performerin Tanja Krone widmet sich beim Festival diesem Thema. In einem Work in Progress versucht sie, mit Kollegen aus Detroit, Amman und Berlin dieses Rätsel zu lösen. In sechs Tagen komponieren die Klangexperten ein Stück, das zum Abschluss in einem Konzert aufgeführt wird.

Um selbstfahrende Autos geht es Lajos Talamonti in seinem Projekt. Der Regisseur, Schauspieler und Performance-Künstler lässt sich mit sechs Festivalbesuchern in einem Minibus durch Mannheim kutschieren und philosophiert über das automatisierte Fahren. Was bedeutet es, gesteuert zu werden? Wie wirkt sich das auf die Entscheidungsfreiheit aus? Ganz ins Zeichen des Festivalthemas stellen sich auch die Apocalyptic Dancers. Das Kollektiv hatte 2017 eine Residenz bei zeitraumexit und präsentiert seine Weltverschwörungs-Performance in einer Mannheimer Tiefgarage. Den übergeordneten Begriff der Autonomie rückt indes die Frankfurter Regisseurin und Dramaturgin Eleonora Herder in den Mittelpunkt. Sie fragt nach der politischen Autonomie in Europa und was diese mit unserer Bewegungsfreiheit zu tun hat. Flankiert wird das Festival von einem umfangreichen Diskursprogramm mit Podiumsdiskussionen und Vorträgen. ‹

Wunder der Prärie — Autonomie
19. bis 29. September 2019
zeitraumexit und andere Locations in Mannheim
www.wunderderpraerie.de
Bildnachweis:
Koebberling-Best

Wunder der Prärie

TerminDO 19. bis SO 29. September 2019
Adressezeitraumexit // Hafenstraße 68 // 68159 Mannheim-Jungbusch // Telefon: 0621 3709831 // E-Mail: info@zeitraumexit.de
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