Mannheimer Sommer

„Was passiert, wenn es keine Grenzen mehr gibt?“

Herr Dvořák, Herr Kotzerke, das Motto des Mannheimer Sommers klingt nach Befreiung, nach Auflösung aller Schranken. Ist das so gemeint?
Jan Dvořák: Nicht ganz. Entgrenzung hat etwas Verlockendes, fast Rauschhaftes. Sie erzeugt Neugier, Aufbruchsstimmung, Entdeckergeist — genau das, was ein Festival braucht. Aber die entscheidende Frage lautet: Was passiert, wenn es keine Grenzen mehr gibt?
Jakob Kotzerke: Grenzen sind nicht immer etwas Negatives.
In der Oper wie im Leben strukturieren sie Wahrnehmung, schaffen Reibung, Orientierung und Spannung.

Sie sprechen also nicht von der Abschaffung von Grenzen, sondern von einem bewussten Spiel mit ihnen?
Kotzerke: Genau. Man kann das auch biologisch denken: Die empfindlichsten Zonen eines Organismus sind die Grenzflächen — Haut, Schleimhäute, Membranen. Dort findet Aus-tausch statt, dort reagiert der Körper. Übertragen auf Kunst und Gesellschaft sind Grenzen oft die produktivsten Orte.
Dvořák: Die Wissenschaft lebt davon. Erkenntnis entsteht nicht dort, wo alles bereits geklärt ist, sondern an den Rändern des Wissens. Gleiches gilt für die Kunst. Sie operiert seit jeher an Schwellen: zwischen Gattungen, Disziplinen, Sprachen, Formen.

Die Oper ist dafür ein besonders interessantes Beispiel.
Dvořák: Absolut. Die Oper ist von Anfang an ein Grenzphänomen: Musik, Text, Szene, Körper, Technik — alles greift ineinander. Man wird das an der „Zauberflöte“, unserer Festivalpremiere, sehen können. Gleichzeitig ist Oper hochgradig formalisiert. Gerade diese Spannung macht sie so ergiebig.

Das klingt beinahe philosophisch.
Dvořák: Ja, nehmen wir zum Beispiel Hegel. Der hat sehr klar formuliert, dass Grenzen nicht nur trennen, sondern erst ermöglichen, dass etwas anderes existiert. Ohne Grenze kein Gegenüber, ohne Gegenüber kein Denken über sich hinaus.
Kotzerke: Unsere Verantwortung liegt darin, innerhalb der Oper — also innerhalb einer Institution mit Geschichte und Gewicht — an ihren Rändern zu arbeiten. Um Spielräume zu öffnen.

Was heißt das konkret für den Mannheimer Sommer?
Kotzerke: Wir stellen unterschiedliche Formate, Handschriften und Arbeitsweisen nebeneinander, lokal wie international.
Dvořák: Es wird klassische Oper und Tanztheater geben. Wir werden Kammermusik, Moderne und Pop nebeneinanderstellen.
Kotzerke: Kunst- und Klanginstallationen … und die innovativen Musiktheaterprojekte, die aus unserem Wettbewerb hervorgegangen sind. Die sich übrigens alle auf unterschiedliche Art mit Mozart oder seinem Werk beschäftigen.
Dvořák: … und natürlich auch Feiern und Partys — wie bei der „Orchesterkaraoke“ oder dem „Maskenball“. Wir werden auch buchstäblich neue Räume erobern, die wir rund um das OPAL bespielen — Luisenpark, Stadion, Technoseum und Planetarium.
Kotzerke: Entgrenzung heißt für uns aber nicht Beliebigkeit. Es geht um Erweiterung, nicht um Auflösung. Wir wollen die Grenzen nicht abschaffen, sondern beweglich machen.

Ein Festival als Labor an der Grenze?
Dvořák: Ja. Als Ort, an dem man sich sicher genug fühlt, um
etwas zu riskieren.
Kotzerke: Und neugierig genug, um sich darauf einzulassen!


Mannheimer Sommer 2026 — Internationales Festival für Musik & Theater
18. bis 28. Juni 2026
OPAL und viele andere mehr
mannheimer-sommer.de (Programm ab April)

Große Oper:

Die Zauberflöte, L’Orfeo, Gastspiele

Konzerte:

Mozarts „Requiem“, Orchesterkaraoke, Kammermusik, Bands

Wettbewerb:

„To the Edges“ — Musiktheater an besonderen Orten

Garten der Künste:

Musik & Pflanzen im Festivalzentrum am OPAL
Bildnachweis:
Jan Dvořák (links) und Jakob Kotzerke, Foto: Christian Kleiner

Mannheimer Sommer

Der Mannheimer Sommer möchte — in Fortsetzung des erfolgreichen „Mannheimer Mozartsommers“ — den Blick noch weiter öffnen möchte auf die Fülle dessen, was die europäische Kultur hervorgebracht hat — und weiterhin hervorbringt! Gastspiele aus dem erweiterten Musiktheaterbereich ergänzen diese große Eigenproduktion: Performance, Tanz, Neue Musik, inszenierte Konzerte. Unterschiedliche Stile sind gefragt: vom klassischen Lied über Weltmusik bis zum Pop kann alles zur Grundlage für neuartige Musiktheaterabende werden.
TerminDO 18. bis SO 28. Juni 2026
AdresseNationaltheater Mannheim // Goetheplatz // 68161 Mannheim //
Kartentelefon: 0621 1680-150 // E-Mail: nationaltheater.kasse@mannheim.de
SpielorteNationaltheater Mannheim & Schloss Schwetzingen
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