Kultur rechnet sich

„Viele sehen nur die Kosten“

Thomas, Kultur rechnet sich — inwiefern?
Thomas Siffling: Es geht dabei vor allem um die Umwegrentabilität — wir wollten Zahlen auf den Tisch legen. Und die sind beeindruckend: Rund 2.000 Arbeitsplätze hängen in Mannheim an der Kultur, und die Branche generiert fast eine halbe Milliarde Euro Umsatz. Menschen gehen ins Konzert, essen in Restaurants, übernachten in Hotels. Kultur ist ein Wirtschaftsfaktor — Punkt. Viele sehen nur die Kosten, übersehen aber die Einnahmen, die Kultur generiert.
Rainer Kern: all das ist seit Jahren berechnet und bekannt. Interessanterweise ist es immer wieder nötig, darauf hinzuweisen. Darüber sollten wir aber nicht den Eigenwert von Kunst und Kultur selbst vergessen. Die wichtige Frage ist nicht, was Kultur kostet, sondern was es eine Gesellschaft, ein Land, eine Stadt kostet, wenn sie nicht in Kunst und Kultur investiert? Kultur fungiert als strukturelles Bindeglied und fördert Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Inklusion. Das hat der (Kultur-)Ökonom Pier Luigi Sacco bereits 2013 nachgewiesen. Die aktuelle Wirtschaftskrise ist auch durch den Verlust an Innovationskraft bedingt. Wir sind gut beraten, genau hinzusehen, wie wir die Innovationskraft wieder steigern, während wir der Welt hinterherhecheln.

Trotzdem gilt Kultur als „freiwillige Leistung“ — und landet damit automatisch auf der Sparliste …
Siffling: Ja, und das ist tragisch. Denn genau diese kulturelle Vielfalt macht Mannheim aus. Aber klar: Die Politik darf gesetzlich dort sparen, wo Leistungen freiwillig sind. Das führt zu einem Dilemma für alle Beteiligten — und zu einer enormen Unsicherheit in der Szene.
Kern: Das ist eine gut gemeinte, aber nicht mehr zeitgemäße Regelung aus der Gründungszeit der Bundesrepublik. Man wollte nach der schrecklichsten Erfahrung im Nationalsozialismus diesen Sektor vor dem Zugriff des Staates schützen. Leider sehen wir in der Gegenwart den gegenteiligen Effekt. Eine Korrektur ist längst überfällig. Aber wer unternimmt den ersten Schritt seitens der politischen Parteien?

Muss man in einer solchen Situation nicht auch darüber nachdenken, wie die knapper werdenden Gelder verteilt werden?
Siffling: Ganz sicher, und das transparent und ehrlich. Ob jemand eine Förderung bekommt, hängt oft an Traditionen, Netzwerken und Lobbyarbeit. Ich finde: In Zeiten knapper Kassen braucht es Kriterien, die klar formuliert und transparent sind. Welche Relevanz hat ein Projekt? Für die Stadtgesellschaft? Für die Bildung? Für das Image der Stadt? Das muss man offen diskutieren — ohne gleich den Vorwurf zu erheben, man wolle jemandem „etwas wegnehmen“.
Kern: Das passiert ja auch, leider selten strategisch getrieben. Im besten Falle hat eine Stadt, ein Land, allgemein ein Geldgeber eine Strategie sowie Ziele und entscheidet, wo und wie er investieren möchte, um diese strategischen Ziele zu erreichen. Im Idealfall werden akademisches Wissen und Erfahrung in die Entscheidungsfindung einbezogen. Das regelmäßige Hinterfragen gehört natürlich auch dazu. Dieses Vorgehen sollte aber immer gelten, nicht nur in Krisenzeiten.

Müssen die Kulturschaffenden auch Wege suchen, um unabhängiger von öffentlicher Förderung zu werden?
Siffling: Auf jeden Fall. Unternehmen profitieren enorm von einer attraktiven Region. Dann sollten sie auch ein Interesse daran haben, diese Attraktivität zu erhalten. Aber nicht nur mit Schecks. Es geht darum, Modelle zu entwickeln, die beiden Seiten etwas bringen — echte Partnerschaften statt bloßer Logos auf Plakaten.
Kern: Natürlich, das ist im akademischen Bereich so und auch schon lange im kulturellen Leben einer Stadt gängige Praxis. Gerade in unserer Region ist der private Sektor sehr engagiert und involviert. Das entbindet die öffentliche Hand aber nicht davon, ihren Anteil nicht zu minimieren.

Manche fürchten, dass Sponsoren Einfluss auf Inhalte nehmen könnten …
Siffling: Diese Angst halte ich für übertrieben. Firmen haben nicht die Zeit, so tief einzusteigen. Und selbst wenn: Einfluss ist nicht automatisch etwas Negatives. Am Ende bleibt es eine freie Wahl, ob man Geld annimmt oder nicht.
Kern: Das könnte natürlich passieren. Ich selbst habe es aber in 30 Jahren Kulturarbeit noch nicht einmal im Ansatz erlebt. Die Sponsoring-Kultur bei Enjoy Jazz war immer von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägt. Deshalb betrachte ich dieses Thema unaufgeregt, zumal die Entscheidung ja bei einem selbst liegt, wie Thomas schon richtig sagt.

www.kultur-rechnet-sich.de

Kultur rechnet sich

Die Initiative Kultur rechnet sich ist ein offener Zusammenschluss von Kulturinstitutionen, Veranstaltungsstätten, Netzwerken, Wissenschaft, Konzertveranstaltern Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die gemeinsam den Wert von Kultur für Mannheim, das Oberzentrum der Metropolregion Rhein Neckar sichtbar machen wollen — in Zahlen, Geschichten und politischen Forderungen.
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