Schwetzinger SWR Festspiele

Unbeirrt weitermachen

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    Heike Hoffmann, künstlerische Leiterin der Schwetzinger SWR Festspiele (Bild: Elmar Witt)
› Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass die erste Ansteckung mit dem Coronavirus in Deutschland bekannt wurde. Man erfuhr, dass es sich um ein Virus handelt, das in einer chinesischen Stadt zuerst aufgetreten sei. Das RKI — eine Institution, von der ich noch nie zuvor gehört hatte — beruhigte: eine Gefahr für Deutschland sei gering. Eine Fehleinschätzung, wie bald klar werden würde. Das Virus verbreitet sich rasend schnell, nur wenige Wochen später ist die ganze Welt bedroht, das Leben auf nahezu allen Kontinenten verändert sich in einer Weise, die sich wohl niemand hätte vorstellen können. Kontaktreduzierung, Masken und Abstand sind die einzigen Mittel, die wir der Bedrohung entgegensetzen können. Einschneidend für viele Bereiche des öffentlichen Lebens, darunter Bildung und Kultur. Die Folgen für die Zukunft: nicht absehbar.

Auch für die Schwetzinger SWR Festspiele war 2020 ein Jahr voller Turbulenzen, Unsicherheiten und Herausforderungen:

+++ Februar: Die Proben für „Force & Freedom“, unsere Eröffnungsproduktion zum Beethoven-Jahr mit Nico and the Navigators, laufen in den Berliner Ufer-Hallen. Wir desinfizieren die Hände, sind aber ansonsten recht unbesorgt.

+++ Anfang März: Die Verunsicherung wächst täglich, erste Anfragen, ob die Festspiele denn überhaupt stattfinden würden. Intensive Beratungen mit den Gesellschaftern, wir halten an den Planungen fest. Der Vorverkauf läuft bestens.

+++ 18. März: Angesichts der rasant steigenden Infektionszahlen und der behördlichen Maßnahmen ist die Entscheidung alternativlos: Die Schwetzinger SWR Festspiele 2020 werden abgesagt. Erstmals in der fast 70-jährigen Geschichte dieses Festivals. Mehr als 11.000 Tickets werden rückerstattet, eine Aufgabe, die mehrere Wochen in Anspruch nimmt. Künstler, Kooperationspartner, Dienstleister, Presse sind zu informieren. Wir üben das Arbeiten im Lockdown, in Windeseile stellen wir auf Online-Arbeit um. Es funktioniert besser als erwartet, mein Team macht das großartig.

+++ 20. März: Anfrage bei der Schlossverwaltung nach freien Zeiträumen im Herbst. In der (aus heutiger Sicht naiven) Annahme, die Epidemie sei in einigen Monaten vorüber, mache ich mich daran, für die verfügbaren Termine zu planen. Nach einigen Tagen ist klar: Wir werden zahlreiche der Konzerte aus unserem Beethoven-Zyklus im Oktober nachholen. Diese Perspektive ist wichtig, für die Künstler, aber auch für uns als Festspielmacher.

+++ 1. April: Gemeinsam mit dem Freundeskreis der Schwetzinger SWR Festspiele wenden wir uns mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, für die durch die Absagen besonders hart getroffenen Freiberufler unter unseren Künstlern zu spenden. Unser Publikum macht großartig mit: In den folgenden Wochen kommen nahezu 50.000 Euro zusammen, die wir an die Künstler weiterleiten.

+++ 1. Mai: Eigentlich Festspielbeginn. Die Redaktion von SWR2 hat ein wunderbares Ersatzprogramm zusammengestellt und sendet bis 31. Mai unter dem Motto „Schwetzingen Retro“ Mitschnitte aus sechs Festspieljahrzehnten.

+++ 8. Juni: Das Programm für Oktober wird veröffentlicht. Mit dem Ticketverkauf wollen wir erst beginnen, wenn Klarheit über die notwendigen Hygienemaßnahmen herrscht. Inzwischen stellen wir die Arbeitsabläufe um und ziehen die Veröffentlichung des Festspielprogramms 2021 vor, um die Herbstkonzerte organisatorisch bewältigen zu können. Dazu kommt die Einarbeitung von neuen Mitarbeiterinnen, keine leichte Herausforderung in Zeiten von räumlicher Distanz.
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    Applaus und Abstand – Kultur in außergewöhnlichen Zeiten, wie hier das Konzert der Akademie für Alte Musik Berlin (Bild: Reiner Pfisterer) beim Nachholprogramm der Festspiele im Herbst 2020, …
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    … das das Belcea-Quartett mit einem fulminanten Auftritt eröffnet. (Bild: Elmar Witt)
+++ 2. September: Der Vorverkauf beginnt. Werden die Menschen überhaupt kommen? Die Befürchtungen erweisen sich als unnötig: Binnen weniger Tage ist das coronabedingt reduzierte Ticketangebot ausverkauft. Wir feilen am Hygienekonzept, die Regeln ändern sich dauernd.

+++ 14. Oktober: Wir beziehen das Festspielbüro in Schwetzingen, fühlt sich sehr ungewohnt an zu dieser Jahreszeit. Nervöse Anspannung: Gäste aus Risikogebieten müssen Negativ-Tests vorlegen, in Baden-Württemberg gilt ein Beherbergungsverbot.

+++ 18. Oktober: Am Tag vor Festspielbeginn wird die Corona-Verordnung verschärft, nun steht plötzlich alles wieder auf der Kippe. Stündliche Telefonate mit Oberbürgermeister René Pöltl, spätabends kommt eine Zusatzverordnung, die er schon am kommenden Morgen mit dem Krisenstab der Stadt umsetzen wird, um den Festspielstart zu ermöglichen. Inzwischen erreicht mich die nächste Hiobsbotschaft: Das Artemis-Quartett muss absagen, die Cellistin hat sich ernsthaft verletzt. Die Künstler sind am Boden zerstört. Uns verschafft diese Absage — Ironie des Schicksals — einen Tag Zeit, um die neuen Regeln umzusetzen.

+++ 19. Oktober: Wie geplant veröffentlichen wir das Programm der Festspiele 2021. Die druckfrische Broschüre liegt vor.

+++ 20. Oktober: Mit einem fulminanten Konzert des Belcea-Quartetts starten wir. Die folgenden zehn Tage bringen zahlreiche musikalische Sternstunden. Es ist beglückend, endlich wieder gemeinsam in einem Saal Musik zu erleben. Trotz Maskenpflicht und Abstand — wohl alle spüren, wie kostbar diese Stunden sind.

+++ Am 29. Oktober beenden wir die nachgeholten Festspiele mit Beethovens „Pastorale“ — radikal und aufregend interpretiert von der Akademie für Alte Musik Berlin. Zu diesem Zeitpunkt ist schon klar: Dies wird für längere Zeit das letzte Live-Konzert gewesen sein. Am nächsten Tag erscheinen die neuen Verordnungen. Auf die wieder exponentiell ansteigenden Infektionszahlen reagiert die Politik mit einem Lockdown light, der die Schließung von Gastronomie und ein Veranstaltungsverbot vorsieht. Die Kulturszene ist schockiert, hatte man doch ausgefeilte Hygienekonzepte erarbeitet und enorm viel investiert. Nirgendwo war von Ausbrüchen bei Kulturveranstaltungen berichtet worden. Auch wir können nach einigen Wochen die akribisch geführten Kontaktlisten vernichten, ohne eine einzige Ansteckung. Auf den Lockdown light folgen dann im Dezember die Verschärfung der Maßnahmen, schließlich doch die Schließung der Schulen und immer wieder neue Beschränkungen.

+++ Dennoch haben wir am 4. Dezember den Vorverkauf für 2021 begonnen, zunächst mit einem stark reduzierten Platzangebot, das wir hoffen noch vor Beginn der Festspiele aufstocken zu können. Schließlich werden nun schon bald Impfstoffe zugelassen, das stimmt doch optimistisch! Binnen weniger Tage sind wir praktisch ausverkauft.

+++ Jetzt, Anfang Februar 2021, ist noch immer nicht abzusehen, wann wieder Veranstaltungen mit Publikum möglich sein werden. Auch wenn die Inzidenzen sinken, die Todeszahlen sind erschütternd und Mutationen sowie Verzögerungen beim Impfen sorgen für Beunruhigung. Die Politik ist nicht fähig oder nicht willens, ein „Wenn, dann“-Szenario zu entwickeln, um die coronamüde Bevölkerung mitzunehmen. Insbesondere die in ihrer beruflichen und wirtschaftlichen Existenz Bedrohten — und dazu gehören die Künstler — brauchen dringend eine Perspektive. Auch deshalb bereiten wir die Festspiele 2021 mit mehr als 40 Programmen unbeirrt weiter vor, in der Hoffnung, dass die wärmeren Temperaturen helfen und wir im Mai Künstler und Publikum in Schwetzingen begrüßen können. ‹
Bildnachweis:
Elmar Witt

Schwetzinger SWR Festspiele

Die Schwetzinger SWR Festspielesind ein internationales Festival der klassischen Musik, das seit 1952 jährlich im Frühjahr in den Räumlichkeiten des Schwetzinger Schlosses stattfindet. Veranstaltet werden die Festspiele von der Schwetzinger SWR Festspiele gGmbH, deren Gesellschafter neben dem Südwestrundfunk zu gleichen Teilen der Rhein-Neckar-Kreis und die Stadt Schwetzingen sind.
TerminFR 30. April bis SA 29. Mai 2021
AdresseSchwetzinger SWR Festspiele gGmbH // Hans-Bredow-Straße // 76530 Baden-Baden //Kartentelefon: 07221 300200
SpielorteSchwetzinger Schloss, Dom zu Speyer und Kirche St. Joseph, Speyer
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