MARCHIVUM

Orte und Taten

› 1.070 Männer wurden im Jahr 1944 als Zwangsarbeiter für das Daimler-Benz-Werk nach Mannheim verschleppt. Untergebracht wurden sie nicht etwa versteckt in einem abgelegenen Winkel, sondern unter menschenunwürdigen Bedingungen in einer Schule inmitten des Ortskerns von Sandhofen. „Es gibt kein Foto mehr und auch sonst kaum Exponate von dem, was sich einst vor den Augen aller hier abspielte“, erklärt Marco Brenneisen, Koordinator der Gedenkstätte beim MARCHIVUM. „Wenn ich durch die Ausstellung führe, beginne ich deshalb häufig auf dem Schulhof. Dort bekommt man einen ganz guten Eindruck davon, wie einsehbar das Gelände war.“

Ein langer Weg zum Erinnerungsort

Aus den Erinnerungen der Sandhofener konnte dieses dunkle Kapitel der Geschichte deshalb auch nicht so einfach gelöscht werden — das zeigte sich, als der Stadtjugendring, der bis heute gemeinsam mit dem MARCHIVUM den gemeinnützigen Verein der Gedenkstätte unterhält, die Aufarbeitung ins Rollen brachte. „Dieser Erinnerungsort ist nach zähen Kämpfen entstanden“, berichtet Brenneisen. Nach einem heftig umstrittenen Gemeinderatsbeschluss wurde im Jahr 1990 die Gedenkstätte eingerichtet. Dieses Jahr im November feiert sie ihr 30-jähriges Bestehen.

Um die Recherche der Ausstellungsinhalte kümmerte sich federführend der Mannheimer Geschichtslehrer Peter Koppenhöfer. Er sprach mit Zeitzeugen vor Ort in Mannheim und machte ehemalige Gefangene, die überlebt hatten, in Polen ausfindig. Denn von dorther kam der überwiegende Teil der Sandhofener Häftlinge. Sie waren Gefangene des niedergeschlagenen Aufstands der polnischen Untergrundarmee in Warschau, in dessen Folge die Stadt systematisch ausgelöscht wurde. Wer nicht an Ort und Stelle den Massenhinrichtungen zum Opfer fiel, wurde als Zwangsarbeiter ins Konzentrationslager gebracht.

Bewegende Erzählungen von Zeitzeugen

Die KZ-Gedenkstätte im Keller der Gustav-Wiederkehr-Schule bietet nur wenige Exponate und ist dennoch einer der eindrücklichsten Erinnerungsorte, wenn es um die NS-Zeit in Mannheim geht. Angefangen mit einem Überblick zum Dritten Reich führt die Dauerausstellung über ein Kapitel zur Zwangsarbeit in Mannheim — nach aktuellem Kenntnisstand lebten bis zu 30.000 Zwangsarbeiter in der Stadt — hin zu der Erinnerung an das KZ. Vieles wird anhand der Erfahrungen überlebender Gefangener erzählt. „Einige haben die Gedenkstätte sogar mehrfach besucht und über ihre Erlebnisse erzählt, das war immer sehr bewegend“, erinnert sich Brenneisen, der bei mehreren Besuchen selbst dabei war.
  • Eine Schule als KZ – Ein historisches Foto der ehemaligen Friedrichschule aus dem Jahr 1909, die die Gedenkstätte beherbergt.
  • Blick in das Dokumentationszentrum.
  • Erinnerungen eines Häftlings – Mieczysław Wisniewski war im KZ Sandhofen mit seinem Bruder inhaftiert. In dem Buch „Das ist meine Straße“ verewigte der Maler seine Erinnerungen an die Zeit im Lager. Die Zeichnung zeigt die Hinrichtung des Häftlings Marian Krainski, der der Sabotage bezichtigt wurde.
  • Auf dem Appellplatz: Jeden Morgen gegen fünf Uhr und jeden Abend nach der Rückkehr von der Fabrik mussten die Häftlinge auf dem zum Appellplatz umfunktionierten Schulhof antreten.
Solche persönlichen Erinnerungen werden jedoch mit dem Tod der letzten Zeitzeugen immer rarer. Das Gedenken allerdings kann und darf nicht abgeschlossen sein. Zumal die Nazi-Zeit noch in vielen Biografien nachwirkt. Das war auch die Beobachtung von Karen Strobel, die in diesem Kontext ein ganz besonderes Projekt betreute: „Wir haben mit dem HistoryLab# Anfang des Jahres einen Diskurs angeregt, bei dem die Nachfolgegenerationen der Opfer und Täter ins Gespräch gekommen sind“, berichtet die Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des MARCHIVUM.

Treffen der Enkel

Ausgangspunkt war die Recherche zur Biografie der Mannheimerin Sophie Stippel, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas acht Jahre lang in Konzentrationslagern inhaftiert war. 1942 traf sie in Auschwitz auf Rudolf Höß, den Kommandanten des Lagers. „Die beiden kannten sich aus ihrer Jugend. Höß, Jahrgang 1901, lebte seit seinem vierten Lebensjahr bis 1918 in Mannheim. Er erkannte Stippel im Lager wieder und machte sie zu seiner Bediensteten im Haushalt“, erzählt Strobel, die sowohl ein Buchprojekt als auch einen Dokumentarfilm über diese ungewöhnliche Geschichte betreute. Darüber kam es zum Kontakt mit dem Enkel von Sophie Stippel, Gerald Sander, und dem Enkel von Rudolf Höß, Rainer Höß.

Die beiden erklärten sich bereit, Teil des ersten HistoryLab# zu werden — einer Themenwoche unter dem Titel „Enkel der NS-Zeit im Dialog“, einem neuen Format, das künftig häufiger stattfinden soll. „Dabei wollen wir neue experimentelle Wege erproben, um möglichst verschiedene Zielgruppen zu einer Auseinandersetzung rund um ein relevantes zeitgeschichtliches Thema anzuregen“, berichtet Strobel. „Besonders beeindruckend war ein Gesprächsabend mit Gerald Sander und Rainer Höß, bei dem es darum ging, wie der Lebensweg der Großeltern das eigene Leben beeinflusst hat. Es gibt in vielen Familien in Deutschland noch unausgesprochene Dinge, das wurde hier besonders deutlich“, erinnert sich Strobel.

„Was hat das mit mir zu tun?“

Auch im künftigen NS-Dokumentationszentrum werden das Schicksal von Sophie Stippel sowie die Täterschaft von Rudolf Höß nicht unerwähnt bleiben, so wie viele weitere Mannheimer Biografien. Im ehemaligen Hochbunker in der Neckarstadt-West, wo das MARCHIVUM seinen Sitz hat, bekommt die Mannheimer NS-Geschichte ab kommendem Jahr auf 600 Quadratmetern einen Ort der Erinnerung. „Wir arbeiten dieses Kapitel der Mannheimer Geschichte dort vor allem anhand persönlicher Biografien auf“, berichtet Andreas Mix, der das NS-Dokumentationszentrum als Projektleiter mitkonzipiert. „Gerade gibt es wieder Tendenzen, die unsere Demokratie gefährden, deshalb wollen wir die Erinnerung auch mit der Gegenwart verbinden und arbeiten an einem interaktiven Konzept für das Dokumentationszentrum.“

Neben Einblicken zur NS-Geschichte Mannheims bietet das Zentrum eine Täterdatenbank, in der interessierte Bürger*innen in einzelnen Biografien forschen können. Zudem ist ein Raum der Demokratie geplant. „‚Was hat das mit mir zu tun?‘, ist eine Frage, die bei der Konzeption im Fokus steht“, sagt Mix. Und auch der ehemalige Hochbunker des MARCHIVUM, der das Dokumentationszentrum beheimatet, ist als Erinnerungsort Teil der Mannheimer NS-Geschichte: Als Zufluchtsort für die Zivilbevölkerung wurde er 1940 durch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter errichtet. Sie waren von diesem Schutzraum ausgeschlossen und bei den Bombardements ihrem Schicksal überlassen. ‹


KZ-Gedenkstätte Sandhofen
Gustav-Wiederkehr-Schule, Kriegerstraße 28, Mannheim
Öffentliche Führung an jedem 3. Sonntag im Monat sowie nach Vereinbarung
Voranmeldung: marco.brenneisen@mannheim.de
www.kz-gedenkstaette-sandhofen.de
www.marchivum.de

Jubiläumsveranstaltung zum 30-jährigen Bestehen der KZ-Gedenkstätte Sandhofen,
04. November 2020, MARCHIVUM

Bildnachweis:
Mieczysław Wisniewski, „Eine Gruppe Sandhofer Häftlinge mit Tadeusz Wisniewski“, Ölgemälde

MARCHIVUM

Das MARCHIVUM ist Mannheims Archiv, Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung. Es ist aus dem Stadtarchiv Mannheim — Institut für Stadtgeschichte hervorgegangen. Mit dem Einzug in das neue Haus erhielt das Stadtarchiv Mannheim — ISG zum 1. März 2018 den Namen MARCHIVUM. Dieser Name drückt das neue Selbstverständnis der Institution aus, die sich zu ihrer Tradition bekennt und zugleich neuen Entwicklungen offen steht. Das MARCHIVUM ist die erste Adresse für alle Fragen zur historischen Entwicklung Mannheims und steht allen offen, die sich für die Geschichte dieser Stadt interessieren. Zudem bietet das MARCHIVUM regelmäßig Vorträge zu stadtgeschichtlichen Themen an. Im Laufe des Jahres 2020 werden die vielfältigen Angebote durch die Stadtgeschichtliche Ausstellung und das NS-Dokumentationszentrum erweitert.
AdresseArchivplatz 1 // 68169 Mannheim // Tel. 0621 293-7027 // marchivum@mannheim.de
ÖffnungszeitenDienstag, Mittwoch, Freitag 8–16 Uhr // Donnerstag 8–18 Uhr // Feiertags geschlossen
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