Enjoy Jazz

Musik und Haltung

› Natürlich geht es bei Enjoy Jazz ums Genießen. Ums Hören. Ums Entdecken. Um Konzerte, die andere Welten eröffnen oder Bekanntes neu erschließen. Um Künstler*innen aus allen Kontinenten, die ihre unterschiedlichen Ideen, Stärken, Traditionen mitbringen. Und es geht nicht zuletzt um ein Publikum, das sich verzaubern und begeistern lässt. Seit seiner Gründung im Jahr 1999 hat das Enjoy Jazz Festival so viele Bands und Solist*innen in die Region gebracht, dass es einfacher wäre, jene zu nennen, die noch nicht da waren. Auch 2021 hat das Festivalteam trotz der globalen Turbulenzen wieder ein Programm auf die Beine gestellt, das die enorme Breite des zeitgenössischen Jazz — und angrenzender Musikrichtungen — abbildet.

Deutlich mehr als nur Musik

Doch Enjoy Jazz war schon immer mehr als eine Abfolge von Konzerten. Enjoy Jazz hat von Anfang an Stellung bezogen, Haltung gezeigt und Diskussionsräume eröffnet. Ein Festival, das die Strömungen und Entwicklungen der Zeit aufnimmt, findet naturgemäß nicht im luftleeren Raum statt. Gerade der Jazz trug immer schon eine gesellschaftspolitische Dimension in sich. Deshalb geht es einerseits um den Spaß bei Enjoy Jazz — der Name sagt es ja bereits. Andererseits aber um mehr. Dieses Mehr findet sich nicht nur bei Konzerten und Künstler*innen, sondern auch in Schwerpunkten und Projekten, die gerade in diesem Jahr eine breite Ausrichtung haben und den Charakter des Festivals prägen.
  • enjoy jazz Angel Bat Dawid
    Angel Bat Dawid – „Wenn das, was du tust, nicht spirituell ist, ist es keine Musik!“ Das ist das Motto von Angel Bat Dawid, die mit ihrem De­büt „The Oracle“ im Frühjahr 2019 für Furore gesorgt hat. Die Sängerin und Klarinettistin hatte ihren eigentümlich intimen Mix aus Gospel, Hip-Hop und Spiritual Jazz mit dem eigenen Mobil­telefon aufgenommen – und damit das hippe Label „International Anthem“ be­geistern können. 13. Oktober 2021, Karlstorbahnhof Heidelberg
  • enjoy jazz Lakecia Benjamin
    Lakecia Benjamin – Ein großer Wurf! Lakecia Benjamins aktuelles Album „Pursuance: The Colt­ranes“ ist eine Verbeugung vor dem spirituellen Jazz von John und Alice Coltrane, ehrgeizig konzipiert und mit einem prominent besetzten Allstar-­Ensemble von Gary Bartz über Regina Carter bis hin zu Dee Dee Bridgewater souverän und stimmig realisiert. 02. November 2021, Alte Feuerwache Mannheim (Foto: Elizabeth Leitzell)
  • enjoy jazz irreversible Entanglements
    Irreversible Entanglements formierten sich 2014 im Zusammenhang mit der Initiative „Musicians Against Police Brutality“. Camae Ayewa aka Moor Mother ist eine Meisterin darin, Ohnmacht und Wut wuchtig Ausdruck zu verleihen. Dazu spielt die Band eine freie Fire Music im Stile des frühen Ornette Coleman Quartet, kann aber jederzeit den psychedelisch-dubbigen Hebel umlegen. 08. November 2021, dasHaus ­Ludwigshafen (Foto: Bob Sweeney)
  • enjoy jazz Vijay Iyer Trio
    Vijay Iyer Trio – „Uneasy“ heißt das in diesem Jahr erschienene, von Manfred Eicher pro­duzierte Album des neuen Klaviertrios – mit dem fantasiereichen Vijay Iyer am Piano, dem mühelos zwischen Neuer und Freier Musik pendelnden Multiinstrumentalisten Tyshawn Sorey an den Drums und der rhythmisch wie melodisch immer überraschenden Linda May Han Oh am Bass. Ein Album, das den Erschütterungen und Verwerfungen unserer Gegenwart eine Form gibt. 12. November 2021, Alte Feuerwache Mannheim (Foto: Ebru Yildiz)
„Reconnecting Europe“ — so ließe sich das Motto eines dieser Projekte auf den Punkt bringen, das eine Art Impfprogramm gegen Nationalismus und Isolationismus sein soll. Rechtspopulistische Bewegungen versuchen schon seit Jahren, den europäischen Gedanken zu unterlaufen. Risse sind entstanden, die sich durch die aktuelle Situation verstärkt haben. Die Förderung von Gemeinsamkeit in Diversität sei, so die Diagnose von Festivalleiter Rainer Kern, infolge des „neuen Abstands“ rückläufig: „Gewachsene Strukturen des inter- und intrakulturellen Austauschs wurden beschädigt. Diese Verbindungen müssen nun sukzessive wiederaufgebaut, ausgebaut und gestärkt werden.“ Die Veranstaltungsreihe unter dem Motto „In Diversität vereint: Zur Neuvernetzung Europas durch die Kunst“ will mit kuratierten Konzerten und einem Workshop ein Zeichen setzen.

Inklusion und Ausschluss, Macht und Ohnmacht

Ein anderer Schwerpunkt beschäftigt sich mit „Intersektionalität“ — ein Begriff, der aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse mitbestimmt und sich auch auf die Jazzszene anwenden lässt. „Intersektionalität“ bringt zum Ausdruck, dass Ungleichheit und Unterdrückung selten auf eine einzige Kategorie wie beispielsweise „das Geschlecht“ zurückgeführt werden können. Vielmehr greifen verschiedene Faktoren wie Ethnizität, Alter, Sexualität, Gesundheit, Kultur oder Klasse ineinander, verweben sich und lassen sich so kaum noch auflösen. Damit verbunden sind Fragen von Inklusion und Ausschluss, Macht und Ohnmacht.

Mehr Frauen in den Jazz

„Wir möchten das Thema sowohl grundsätzlich als auch unter Berücksichtigung der Situation von Jazzmusiker*innen betrachten“, heißt es in der Ankündigung des dazugehörigen Symposiums mit dem Titel „Macht und Identität — Vermessung der Ränder“. Denn: Der Frauenanteil im deutschen Jazz liegt bei 20 Prozent. Noch frappierender: Lediglich zwei Prozent der Jazz-Instrumental-Professuren sind mit Frauen besetzt. In einem Mix aus Kurzvorträgen, Diskussionen, interaktiven Elementen und Live-Musik sollen persönliche Alltagserfahrung und akademische Aufarbeitung kombiniert werden, und zwar am 17. Oktober im Nationaltheater Mannheim. Das Podium ist hochkarätig besetzt: Moderiert von der Journalistin und Autorin Maxi Broecking sprechen unter anderem Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Fola Dada, Musikerin, Tänzerin und Professorin für Jazzgesang an der Hochschule Mannheim, Mirna Funk, Schriftstellerin und Journalistin, sowie Katharina Oguntoye, Aktivistin, Dichterin, Historikerin und zentrale Figur in der afrodeutschen Bewegung.

Ein Zeichen gegen Antisemitismus

Auch das bundesweit begangene Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird bei Enjoy Jazz 2021 mit Veranstaltungen begleitet — Lesungen, Konzerte, eine Tagung und eine Auftragskomposition feiern den Reichtum jüdischen Lebens in Deutschland und setzen zugleich ein Zeichen gegen den immer größer werdenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft: Kunst gegen Vorurteile und Ausgrenzung. Man sieht: Enjoy Jazz ist mehr als eine Abfolge einzelner Konzerte. Denn auch die Musik ereignet sich immer in politischen Kontexten. Und gerade der Jazz stand stets im Zentrum fortschrittlicher Bewegungen. ‹


Enjoy Jazz — 23. Festival für Jazz und Anderes
02. Oktober bis 13. November 2021
verscheidene Spielorte Heidelberg/Mannheim/Ludwigshafen
www.enjoyjazz.de
Bildnachweis:
Bob Sweeney (Entanglements)

Enjoy Jazz Festival

Seit seiner Premiere 1999 hat sich Enjoy Jazz zu einem international renommierten Festival und zum größten Jazzfestival Deutschlands entwickelt. Neben Legenden wie Ornette Coleman oder Wayne Shorter präsentiert das „Internationale Festival für Jazz und anderes“ immer auch die Größen der jüngeren Jazzgeneration und spannt den Bogen zu angrenzenden Genres wie Weltmusik, Elektronik, Hip-Hop und Klassik. Komplettiert werden die rund 70 Konzerte durch Workshops, Matineen, Partys und Vorträge.
AdresseEnjoy Jazz GmbH // Bergheimer Straße 153 // 69115 Heidelberg // Tel: 06221 5835850 // E-Mail: info@enjoyjazz.de
SpielorteVerschiedene Orte in und rund um Heidelberg, Mannheim und ­Ludwigshafen
  • Das sollten Sie nicht verpassen

    Tigran Hamasyan – Der armenische Pianist und Komponist gastierte schon 2012 bei ­Enjoy Jazz. Seinerzeit war er bereits als „rising star“ gehandelt, mit internationalen Preisen dekoriert und mit Lob bedacht – von Herbie Hancock und Chick Corea. Mittlerweile ist Hamasyan Mitte dreißig, um einige Auszeichnungen und Erfahrungen reicher, und hat mitten in der ­Pandemie mit dem Trio-Album „The Call Within“ überrascht. Mit einem basslastigen, hochkomplexen und dynamischen Prog-Jazz-Entwurf, der armenische Folklore, Minimal Music, Psychedelia und Rock derart virtuos fusioniert, dass auch Metal-Fans beeindruckt sein dürften. 21.10.2021, 20 Uhr, Alte Feuerwache
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