Heidelberger Stückemarkt

Heimatlos im Fast-Food-Restaurant

› „Ich hatte ‚Asiawochen‘ vor einem Jahr in meinem Erstlesestapel und fand es großartig“, erinnert sich Dramaturgin Maria Schneider, die als Teil des Auswahlgremiums das Stück des Autors Yannic Han Biao Federer (*1986) zum Wettbewerb des Stückemarkts einlud. Aus rund hundert Einsendungen noch nicht aufgeführter Gegenwartsdramatik wählt das Team des Theaters Heidelberg in jedem Jahr sechs Texte aus, die dann als szenische Lesungen vorgetragen werden. „Asiawochen“ überzeugte dann nicht nur die Jury restlos, die es mit dem Autor*innenpreis auszeichnete, sondern auch der Publikumspreis sowie der SWR-Hörspielpreis des Stückemarkts 2025 gingen an Federer. Nun stehen die Proben für die Uraufführung bevor. Und es wird anspruchsvoll. In jeglicher Hinsicht.

Da wäre zunächst einmal der Stoff. Die Protagonistin Vanessa,eine Lehramtsstudentin, verzweifelt an den Leerstellen beim Thema Kolonialgeschichte — sowohl im deutschen Bildungssystem als auch in ihrer eigenen Biografie. Ihr Vater, der das indonesische Familienrestaurant gerade aufgegeben hat, arbeitet bei McDonald’s. Während eines Besuchs im Fast-Food-Restaurant, in dem gerade die Asia-Aktionswochen laufen, versucht sie, mehr über die eigene Familiengeschichte herauszufinden und stößt auf ein generationsübergreifendes Trauma. „Vanessa bittet Kund*innen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, etwa ihre Mutter oder ihren Freund zu spielen, und aus dieser Ebene entspinnt sich dann die Story“, erklärt Schneider.

Tour de Force durch die Kolonialgeschichte

Es folgt eine Tour de Force durch die Kolonialgeschichte mit Schwerpunkt auf Indonesien und Südostasien. „Federers Text erklärt viel, weil es so viele Leerstellen im allgemeinen Wissen gibt“, sagt Schneider. „Doch er verhandelt dieses Dilemma zwischen Belehrung und Dramatik mit — nicht bleischwer, sondern mit ziemlich viel Humor.“ Kein Fast Food also, das an diesem Abend serviert wird, sondern harte Kost, die mit vielen Originalquellen garniert wird — von TV-Werbung aus den 1990er-Jahren bis hin zur Eröffnungsrede der Konferenz von Bandung im Jahre 1955, bei der sich erstmals asiatische und afrikanische Staaten über ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen nach der Kolonialzeit berieten.

Ein besonderer Regieeinfall fordert zudem die Schauspieler*innen zu körperlichen Höchstleistungen heraus. Das Schnellrestaurant wird kein klassischer McDonald’s sein. Regisseur Wang Chong, Exil-Chinese und Gründer des Pekinger Théâtre du Rêve Expérimental, hat sich zusammen mit der Bühnen- und Kostümbildnerin, der Südkoreanerin Ji Hyung Nam, für einen Lauftrack im Heidelberger Zwinger entschieden, auf dem Vanessa und ihr Vater permanent in Bewegung sind. „Die beiden haben sich sehr viele Gedanken über diese Unbehaustheit und dieses Zwischenwelten-Sein der beiden Hauptfiguren gemacht und sind so zu diesem Setting gekommen“, berichtet Schneider.

Gastland Kanada

Auch bei den Stücken für den internationalen Autor*innenwettbewerb klingen die Auswüchse und Verheerungen des Kolonialismus immer wieder an. Gastland ist in diesem Jahr Kanada. „Gerade First-Nations-Perspektiven spiegeln sich in unserer Stückauswahl wider“, berichtet Schneider. „Es geht in den Texten um Fragen, die die indigene Bevölkerung betreffen, und es wird deutlich, wie diese Fragen dieses Land bis heute im Griff haben.“ Es werden dieses Mal vier ausländische Dramatexte zum internationalen Wettbewerb eingeladen. „Kanada ist zweisprachig, und es war uns wichtig, zwei französische und zwei englische Texte zu präsentieren“, erklärt Schneider. „Wir freuen uns sehr auf das Gastland, denn die kanadische Szene ist vielfältig und bietet klassisches Erzählen genauso wie experimentelles Theater.“

Vielfältig ist auch wieder der gesamte Stückemarkt. Neben den szenischen Lesungen im Rahmen der Wettbewerbe sind spannende Uraufführungen aus dem ganzen deutschsprachigen Theaterraum sowie Produktionen im Rahmen des Nachspielpreises zu sehen. Dieser wurde mit der Intendanz von Holger Schultze beim Stückemarkt eingeführt, auch als Appell an die gesamte Theaterlandschaft: „Der Stückemarkt versteht sich als Ort, der die Gegenwartsdramatik feiert — aber nicht nur, um einen Uraufführungshype zu erzeugen, sondern um zeitgenössische Theatertexte nachhaltig in den Programmen der Stadt- und Staatstheater zu verankern“, führt Maria Schneider aus. Nur selten bietet sich die Gelegenheit, dabei zu sein, wenn ein echter Klassiker aus der Taufe gehoben wird — beim Stückemarkt in Heidelberg ist das durchaus möglich. Nichts wie hin! ‹

Tipp! — Uraufführung „Asiawochen“, 24. April 2026, Zwinger 1, Theater Heidelberg

Heidelberger Stückemarkt
24. April bis 03. Mai 2026, Marguerre- und Alter Saal sowie Zwinger, HebelHalle und Theater Heidelberg
theaterheidelberg.de

Bildnachweis:
Susanne Reichardt

Theater und Orchester Heidelberg

Das Theater und Orchester Heidelberg ist ein Fünf-Sparten-Haus mit Musiktheater, Konzert, Schauspiel und Tanz sowie einem eigenen Ensemble für Kinder- und Jugendtheater. Seit 2005 gehört auch das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg zum Theater und bildet eine eigene Sparte mit zahlreichen Konzerten sowie der Begleitung von Operninszenierungen. Intendant ist seit der Spielzeit 2011/12 Holger Schultze. Das Theater und Orchester Heidelberg ist auch Veranstalter von zahlreichen Festivals wie den Heidelberger Schlossfestspielen, dem Heidelberger Stückemarkt oder dem Barockfest „Winter in Schwetzingen“.
TerminFR 24. April bis SO 03. Mai 2026
AdresseTheaterstraße 10 // 69117 Heidelberg // Telefon: +49 6221 5835 000 // E-Mail: theater@heidelberg.de // Karten: Telefon: 06221 5820 000 (Mo−Sa 11.00−18.00 Uhr) // E-Mailtickets@theater.heidelberg.de
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