Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Expedition Neuland

› Einen Neustart hätte man sich auch einfacher vorstellen können. Denn selbstverständlich steht auch das 69. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg unter den Vorzeichen von Corona. Lange herrschte beim neuen Leiter Sascha Keilholz und seinem Team Unsicherheit, ob überhaupt und wenn ja, in welcher Form das Filmfestival stattfinden könne, doch inzwischen steht fest: „Eine Woche lang wird in den Mannheimer und Heidelberger Kinos ein physisches Festival mit einem konzentrierten Programm stattfinden“, so die Pressemitteilung, die im August herauskam. Und diese Mitteilung hat dem Festival nochmals einen Schub gegeben, nicht nur intern, sondern auch innerhalb der internationalen Filmbranche, wie Frédéric Jaeger, Programmchef und Kurator der Wettbewerbssektion „On the Rise“, berichtet: „Wir haben in den letzten Wochen sehr viel positives Feedback bekommen — im Sinne von ‚Toll, dass ihr stattfindet‘. Sowohl beim Publikum als auch bei den Filmschaffenden spürt man eine große Lust und eine große Vorfreude darauf, Filme wieder im Kino erleben zu können.“

Retrospektive, Talent Camp und Grenzbereiche

Die Tradition von Mannheim-Heidelberg als „Ort der Entdeckungen“ wollen Keilholz und sein Team fortführen. Allerdings haben sie den zentralen Begriff nochmals neu gedacht. So gibt es künftig in der neuen Sektion „Retrospektive“ hierzulande weitgehend unbekannte Kapitel der Filmgeschichte zu entdecken (siehe unten). Die Entdeckung und Förderung junger Talente steht beim Cutting Edge Talent Camp im Fokus. Bei dem neuen Format stellen Filmtalente von deutschen Filmhochschulen ihre Spielfilm-Projekte vor und tauschen sich in Workshops, Masterclasses und bei Roundtables mit Vertreter*innen von Talent Labs, Koproduktionsmärkten, Filmförderungen, Fernsehsendern und Weltvertrieben aus. Ziel des Camps, das von der Kölner Branchenexpertin Zsuzsi Bánkuti geleitet wird, ist es, den jungen Filmschaffenden Wege aufzuzeigen, wie sie schon frühzeitig über die Verwertung ihrer Filme nachdenken und ihre Filme international präsentieren können. Eingeladen sind zwölf Projekte von Studierenden der Filmhochschulen Berlin, Köln, München und Ludwigsburg.
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    In 30 Filmen um die Welt – das Festival spannt einen weiten Bogen von der italienisch-
    französisch-bel­gischen Produktion „Spaccapietre“ …
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    … über den israelischen Beitrag „Asia“ mit Unorthodox-Hauptdarstellerin Shira Hass …
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    … bis zum experimentellen deutschen Film „Der Siebzehnte“ mit Devid Striesow.
Die ebenfalls neue Sektion „Facing New Challenges“, für die das Festival mit dem Kunstverein Heidelberg und der Kunsthalle Mannheim kooperiert, lädt die Besucher*innen auf eine Expedition in die Grenzbereiche zwischen Kino und Bildender Kunst. Als Kuratorin konnte Kunstverein-Direktorin Ursula Schöndeling gewonnen werden, die gemeinsam mit Alfred Stumm ein spannendes Programm zusammengestellt hat. „Bewegtbilder jenseits des Kinofilms“, lautet die Devise, und so wird in Kunstverein und Kunsthalle Video- und Installationskunst zu erleben sein, die die Grenzen zwischen Kino und Kunst auslotet.

Mehr als 700 Einreichungen aus 75 Ländern

Letztere Sektion steht auch für die neu gewonnene Offenheit des Festivals, die Sascha Keilholz seit seinem Amtsantritt konsequent verfolgt. So ist es ihm gelungen, insgesamt acht Spielstätten in Mannheim und Heidelberg für das Festival zu gewinnen — von den kommunalen Kinos über Programmkinos bis hin zu den großen Multiplex-Häusern. Und auch inhaltlich und künstlerisch haben die Programmmacher*innen des Festivals größtmögliche Offenheit zur Maxime erhoben — sowohl im Wettbewerb als auch in der Sektion „Pushing the Boundaries“. „Bei der Auswahl waren wir sehr neugierig auf unterschiedliche Sprachen, sowohl die, die in den Filmen gesprochen werden, als auch die filmischen Sprachen der Regisseur*innen“, berichtet Frédéric Jaeger. Insgesamt 700 Einreichungen aus 75 Ländern gingen im Festivalbüro in der Mannheimer Neckarstadt ein, aus denen das Programmteam letztlich 30 Werke für die beiden Sektionen aussuchen musste. Keine einfache Aufgabe, wie Sascha Keilholz betont: „.Mich hat bei der Sichtung überzeugt, wie versiert die jungen Filmemacher*innen heute die Sache angehen — sowohl erzählerisch als auch visuell.“

Experimente und Improvisationen

Entsprechend vielfältig, spannend und hochkarätig präsentiert sich auch das Programm — von der israelischen Produktion „Asia“ mit der zum Zeitpunkt der Produktion noch unbekannten „Unorthodox“-Hauptdarstellerin Shira Haas über die anarchische Improvisationskomödie „Der Siebzehnte“ mit Devid Striesow bis hin zu „Fauna“ des mexikanischen Regisseurs Nicolás Pereda, ein absurd-komisches erzählerisches Experiment, das die Zuschauer*innen mit teuflischem Vergnügen immer wieder auf falsche Fährten lockt. „Normalerweise sind Entdeckungen ja oft nur ein Versprechen für die Zukunft, bei vielen dieser Filme hatten wir aber das Gefühl, dass wir Talente sehen, die schon voll entfaltet sind“, resümiert Frédéric Jaeger. Ein Gefühl, auf das auch wir als Besucher*innen des 69. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg uns freuen dürfen. ‹


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Retrospektive „Le Deuxième Souffle“
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Truffaut und Godard kennt auch hierzulande jeder — aber was folgte auf die Revolutionäre der Nouvelle Vague? Dieser Frage geht das Festival mit der diesjährigen Retrospektive „Le Deuxième Souffle — Die zweite Generation 1968–1983“ nach. Kuratiert vom Schweizer Autor und Kurator Hannes Brühwiler, zeigt die Reihe insgesamt zwölf Filme von französischen Regisseur*innen, die sich in der Nachfolge der Nouvelle Vague sahen, gleichzeitig aber auch mit dieser rigoros brachen. Die Retrospektive spannt den Bogen von Maurice Pialats bahnbrechendem Werk „L’enfance nue“ (1968) bis zu Claude Berris „Tchao Pantin“ (1983), der mit dem französischen Komiker Coluche — als Ex-Cop in seiner ersten ernsten Rolle — für viel Furore sorgte (Foto) und gleichzeitig die Ära der zweiten Generation beendete. Und die Reihe stellt auch einen Bezug zum Festival her: So wird „Un enfant dans la foule“ von Gérard Blain zu sehen sein, der seine Filmkarriere als Hauptdarsteller in François Truffauts frühen Kurzfilmen begann, von denen wiederum der Film „Les Mistons“ (Die Unverschämten) 1958 beim Festival lief, das seinerzeit noch „Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche“ hieß.


69. Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg
12. bis 18. November 2020: verschiedene Spielstätten in Mannheim und Heidelberg
19. bis 22. November 2020: online deutschlandweit
www.iffmh.de
Bildnachweis:
„Single Cycle“, © Flash Forward Entertainment; „Spaccapietre„, © Shellac; „Tschao Pantin“, © The Festival Agency; „Asia“ © Daniella Nowitz; „Der Siebzehnte„ © Saskia Walker, Ralf Hechelmann

Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg genießt als Forum für junge Talente einen internationalen Ruf. Regisseure wie François Truffaut, Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder, Krzysztof Kieslowski, Jim Jarmusch, Lars von Trier oder später Thomas Vinterberg, Frédéric Fonteyne, Guillaume Nicloux, Derek Cianfrance, Hong Sang-soo starteten in Mannheim- Heidelberg ihre Weltkarrieren. Neben rund 60.000 Besuchern kommen jedes Jahr etwa 1.000 internationale Gäste aus der Filmbranche. Dazu gehören Journalisten, Sales Agents, Verleiher und Produzenten.
TerminDO 12. bis SO 22. November 2020
AdresseInternationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg // Collini-Center, Galerie // 68161 Mannheim // Telefon: 0621 102943 // E-Mail: info@iffmh.de
SpielorteMannheim: Stadthaus & At­lantis-Kino, Heidelberg: Mark-Twain-Village
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