MARCHIVUM

Eine Stadt im kolonialen Taumel

› „Der Reichtum der Stadt Mannheim lässt sich ab 1880 ohne den Kolonialismus gar nicht denken“, erklärt MARCHIVUM-Leiter Harald Stockert. Zusammen mit Christian Groh ist er Projektleiter der Sonderausstellung zum Thema Kolonialismus, die ab 21. März im Erdgeschoss des MARCHIVUM zu sehen sein wird. Eine Schau zu diesem Thema ist schon lange ein Wunsch, nicht zuletzt angesichts der zahlreichen Diskussionen um den Umgang mit dem kolonialen Erbe, die die Stadtgesellschaft jüngst bewegten — etwa um die Rückgabe der Benin-Bronzen aus der Sammlung der Reiss-Engelhorn-Museen oder um Straßennamen, Denkmäler und Gedenktafeln, die Persönlichkeiten ehren, deren Verbrechen längst nicht mehr unbekannt sind. So zuletzt im Fall einer Gedenktafel in Seckenheim am Geburtshaus von Theodor Seitz, der als Gouverneur in den Kolonien Kamerun und Deutsch-Südwestafrika ein brutales Regime errichtete.

Die Ausstellung „Verstrickt. Kolonialismus und Mannheim“ widmet sich vor allem dem Zeitraum von 1880 bis 1918. Ab den 1880er-Jahren stieg Deutschland unter Reichskanzler Bismarck ins koloniale Wettrennen der Europäer ein und sicherte sich sogenannte Schutzgebiete in Afrika, Asien und im Pazifik. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland diese wieder. „Uns ist bewusst, dass die Geschichte des Kolonialismus eine weit größere Zeitspanne umfasst, aber wir haben uns gezielt auf die Jahrzehnte konzentriert, in der die Stadt von einer Art Kolonialtaumel erfasst war“, erläutert Stockert. Das bedeutet nicht, dass die jüngere Vergangenheit und Gegenwart ausgeblendet werden: In Vorbereitung der Ausstellung tauschte sich das Team vom MARCHIVUM etwa mit Mitgliedern der Black Academy oder dem Arbeitskreis Kolonialgeschichte Mannheim aus. Verweistafeln in der Schau stellen Bezüge zum Jetzt her, durch Video-Interviews werden unter anderem von Rassismus Betroffene selbst zu Wort kommen, ihre Geschichten teilen und erzählen, wie sie sich engagieren. Stockert und Groh sowie die sechs Kolleg*innen, die im Kernteam zusammen mit Ehrenamtlichen an dem Projekt gearbeitet haben, waren erstaunt, wie vielfältig das Thema ist. Und wie groß die Unterstützung für den Kolonialismus Ende des 19. Jahrhunderts war.

Wirtschaftliche Interessen und Herrschaftsansprüche

Begünstigt durch die Lage am Fluss mit Hafen erkennen die Mannheimer*innen schnell das Potenzial der Kolonien. In Mannheim hergestellte Güter wie Landmaschinen werden nach Übersee transportiert, Waren aus den Kolonien landen in Mannheim an. „Mannheim hatte in Sachen Kolonialismus eine Vorreiterrolle in Süddeutschland“, sagt Christian Groh. Früh organisieren sich die Menschen in Lobbyvereinen, um in den Kolonien ihre Interessen zu behaupten. Kolonialwarenläden schießen im ganzen Stadtgebiet aus dem Boden. Zu kaufen gibt es dort auch das in Mannheim entwickelte Kokosfett Palmin, das zunächst als „Mannheimer Cocosbutter“ auf den Markt kommt. Sein Erfinder, Heinrich Schlinck, experimentiert nach einem Aufenthalt in Afrika mit Kokosnüssen und entwickelt daraus das bis heute bekannte Pflanzenfett. Das Logo zeigt noch immer die Wolfsangel aus dem Mannheimer Stadtwappen.
  • Butter aus dem Dschungel – Werbung für das bis heute bekannte Pflanzenfett „Palmin“. Bild: Serienbilder Album: Palmin, H. Schlink und Cie. Mannheim, 1890-1910 © MARCHIVUM
  • Koloniales Weltbild im Gepäck – Die Aufnahme aus dem Nachlass von Carl Reiß zeigt ihn zusammen mit seiner Schwester Anna auf einer ihrer Fernreisen. Bild: Nachlass Carl Reiß, Fotografie, 1880-1900 © MARCHIVUM
Doch die Verflechtungen betreffen nicht nur die Wirtschaft. Mannheimer sind im Militär und der Kolonialverwaltung aktiv oder missionieren als Geistliche. Museen und Privatleute sammeln Artefakte aus kolonialisierten Gebieten — teilweise stammen diese Güter aus brutalen Raubzügen. Die Faszination ist so groß, dass zum 300. Stadtjubiläum 1907 in der Schwetzinger Vorstadt als einer der Höhepunkte des Festprogramms ein sogenanntes „abessynisches Dorf“ errichtet wird — eine Völkerschau, die vermeintlich Einblicke in das „exotische Leben“ bieten soll. „Das hatte nichts mit der Realität zu tun; die Beteiligten waren Schausteller*innen aus Nordafrika und kamen nicht wie proklamiert aus Äthiopien und Eritrea“, erklärt Groh.

Solche Dinge sind nicht nur menschenverachtend, sie zeugen auch vom Gedankengut hinter dem Kolonialismus. „Es herrscht ein Weltbild, das Menschen in ‚Rassen‘ einteilt — mit den Europäern als Spitze des zivilisatorischen Fortschritts“, erläutert Stockert. Die Faszination, die das vermeintlich Fremde ausübt, dient auch dazu, sich der eigenen Überlegenheit zu versichern.

Dieses rassistische Denken mündet auch in brutalen Aktionen gegen die Einheimischen, etwa den Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908. Dass diese Verbrechen auch in Mannheim nicht unbekannt sind, dafür gibt es Zeugnisse. Im Wahlkampf zur Reichstagswahl 1907, der die Kolonien zum Topthema macht, veröffentlicht eine lokale Tageszeitung einen Bericht über die Gräueltaten der Deutschen inklusive eines Bildes einer Massenexekution. Der Mannheimer SPD-Politiker Ludwig Frank ist einer der wenigen, der die „viehischen Bestialitäten“ verurteilt. Die Mehrheit der Politiker sieht fraktionsübergreifend in der Berichterstattung Volksverrat und Nestbeschmutzung.

Verstrickungen werden greifbar

In der Ausstellung können sich die Besucher*innen entweder Tafel für Tafel durch die vier Kapitel Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur bewegen oder auch bestimmten Personen, Ereignissen oder Perspektiven folgen. Dafür sind reale Fäden durch den Raum gespannt, die in einer Rauminstallation aus den Schlagworten Gewalt, Ausbeutung, Rassismus, Identitäten zusammengeführt werden. „In meiner eigenen Schulzeit wurde Kolonialismus lediglich anhand einer Karte erklärt, die die Gebietsaufteilung durch die Europäer in unterschiedlichen Farben verbildlichte“, erinnert sich Stockert. Mit der Sonderausstellung ist es nun möglich, einen Eindruck davon zu bekommen, was sich hinter den territorialen Grenzen verbirgt — eine Geschichte vielfältiger Verstrickungen und ein Unrechtssystem, das die Weltordnung bis heute prägt. ‹

Verstrickt. Kolonialismus und Mannheim
21. März bis 27. September 2026, MARCHIVUM Mannheim
www.marchivum.de
Bildnachweis:
Sammlung Albrecht, Nr. 9 - Dreihundertjahrfeier; Stadtjubiläum 1907; Internationale Kunst- und große Gartenbau-Ausstellung, Fotografie, 1907 © MARCHIVUM

MARCHIVUM

Hier wird Mannheims Geschichte bewahrt und für die Zukunft gesichert. Dafür wurde Mannheims größter Hochbunker spektakulär umgebaut und der Bau in das Förderprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ aufgenommen. Das MARCHIVUM steht auf drei Säulen: das Archiv mit seinen umfangreichen Sammlungen und Beständen; die Bereiche Forschung, Bildung und Vermittlung sowie Ausstellungsprojekte zur Stadtgeschichte und NS-Zeit.
TerminSA 21. März bis SO 27. September 2026
AdresseArchivplatz 1 // 68169 Mannheim // Tel. 0621 293-7027 // marchivum@mannheim.de
ÖffnungszeitenDienstag, Mittwoch, Freitag 8–16 Uhr // Donnerstag 8–18 Uhr // Feiertags geschlossen
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