Wunder der Prärie

Die Kunst des Pflegens

› Meist werden sie gar nicht oder nur als Randfiguren wahrgenommen. Dabei leisten die vielen fleißigen Unsichtbaren und Notwendigen, die Müllwerker*innen, U-Bahnfahrer*innen und Reinigungskräfte, einen elementaren Beitrag für die Gesellschaft. In Krisenzeiten ernten sie manchmal Applaus, aber Instandhaltung als Ausgangspunkt für Kunst? Geht das?

Ein klares Ja kommt von der New Yorker Konzeptkünstlerin Mierle Laderman Ukeles. Schon 1969 hat sie die sogenannte Maintenance Art begründet. Ausgangspunkt war ihre eigene Lebenssituation. Als junge Mutter fühlte sie sich plötzlich von der Kunstszene isoliert und in die Rolle einer Wartungskraft gedrängt. Deshalb begann die heute 81-Jährige, in ihren Performances diejenigen zu würdigen, die nicht im Rampenlicht stehen, aber unsere Infrastruktur am Laufen halten.

Maintenance-Art-Happening

Wenn das Festival Wunder der Prärie Mannheim jetzt zur Care City ausruft, knüpft es auch an die Pionierin der Instandhaltungskunst an. Ein Thema, das perfekt in die Gegenwart passt. Doch die Idee zu diesem Maintenance-Art-Happening hatten die Festival-Macher*innen bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie — aus verschiedenen Gründen, wie Jan-Philipp Possmann, der das Festival gemeinsam mit Gabriele Osswald und Charlotte Arens kuratiert hat, erläutert: „Vor allem für feministische Künstlerinnen sind Pflegemigration und die unentgeltliche Arbeit, die zu Hause und in den Beziehungen verrichtet wird, ein großes Thema.“
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    Auch Tiere sind Künstler – Alex Bailey (links) und Krõõt Juurak sind it ihrer „Performance for Pets“ …
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    … ebenso bei Wunder der Prärie wie die die österreichische Choreografin und Performance-Künstlerin Doris Uhlich. Fotos: Wynrich Zlomke (Pets), Katarina Soskic (Uhlich)
Unter dem Motto „Pflege und Fürsorge“ geht es bei Wunder der Prärie nicht nur um den medizinisch-sozialen Sektor, sondern auch um die Bewahrung der Umwelt und den Wunsch nach mehr Fürsorge statt fortlaufender Innovation. „Gerade in der Kultur neigen wir oft dazu, viel Geld für Neues auszugeben, anstatt gewachsene Strukturen ordentlich auszustatten“, bedauert Possmann. Die logische Konsequenz für ihn: Auch bei der Neuauflage von Wunder der Prärie setzt er auf Kontinuität und lädt eine ganze Reihe von Künstler*innen ein, die schon häufiger im Künstlerhaus zeitraumexit aufgetreten sind, wie die Performance-Gruppe Oblivia (Foto oben) aus Finnland, die sich mit unserem Verhältnis zur Natur befasst, oder die österreichische Choreografin Doris Uhlich. Weitere Gäste sind unter anderem David Weber-Krebs mit einem Zweipersonenstück nach einer Novelle von Tolstoi und Antje Velsinger mit einem Tanzprojekt zum Älterwerden.

Auch Hunde und Katzen als Zielgruppe

Sogar die Vierbeiner kommen in den Genuss von Kunst dank der „Performances for Pets“, die Hunde und Katzen als Zielgruppe hat. Für das fellnasige Publikum krabbelt, lauert und schnuppert das Künstlerduo Krõõt Juurak und Alex Bailey in privaten Wohnungen herum. Darüber hinaus will das Festival Laderman Ukeles’ Manifest für Maintenance Art erneuern. Zu diesem Zweck hat es einen weltweiten Aufruf an Künstler*innen gestartet, sich mit dem Arbeits- und Lebensumfeld von Care-Arbeiter*innen zu befassen. „Diese Projekte sollen nicht bei uns stattfinden, sondern an den Wohn- und Arbeitsorten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und in Mannheim lediglich dokumentiert werden“, erklärt Possmann die Idee. Dies versteht er ebenfalls als Beitrag, um Ressourcen zu sparen — ganz im Sinne der Care City. ‹


Wunder der Prärie — Care City
30. September bis 10. Oktober 2021
zeitraumexit, Mannheim
www.zeitraumexit.de
www.wunderderpraerie.de

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20 Jahre zeitraumexit

Das Mannheimer Künstlerhaus zeitraumexit feiert seinen 20. Geburtstag. Jan-Philipp Possmann, der Leiter des Hauses, zieht Bilanz.
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Herr Possmann: Sie haben gesagt, es grenze an ein Wunder, dass dieses Haus so lange durchgehalten hat. Ist zeitraumexit besonders widerstandsfähig?
Sowohl unsere Vorgänger*innen als auch wir selbst waren immer wendig und flexibel. Deshalb gab es im Programm so unterschiedliche Dinge wie Bildende Kunst, Performance, Theater, Konzerte, Comic- und Foto-Ausstellungen. In den letzten Jahren kamen dann ganz viele partizipative Projekte im Stadtraum hinzu. Diese Vielseitigkeit ist wohl ein Grund, warum es funktioniert hat.

Wie kommen Sie durch die Pandemie?
Es ist natürlich extrem frustrierend. Wir haben jedoch das Glück, dass wir finanziell abgesichert sind und das Haus nicht aufgeben mussten. Momentan probieren wir Online-Angebote. Aber man muss dabei respektvoll gegenüber den Leuten sein, die das zur Profession haben. Schlecht gemachte Online-Angebote sind das Schlimmste. Wir merken gerade, wie kompliziert das ist.

Vor vier Jahren haben Sie die Leitung von zeitraumexit übernommen. Was war der Grund, dass Sie sich für diese vergleichsweise kleine Institution entschieden haben?
Das Menschliche und die Integrität der Menschen, die das hier aufgebaut haben und hier arbeiten. zeitraumexit ist nicht das größte und auch nicht das am besten ausgestattete Haus, aber viele Künstler*innen kommen immer wieder, weil sie sich hier gut aufgehoben fühlen. Die gute Arbeitsatmosphäre bei Proben und bei Aufführungen war auch für mich ein wesentlicher Aspekt.

Wunder der Prärie

Alle zwei Jahre wird die Metropolregion Rhein-Neckar zum Zentrum internationaler Live-Art: Mit Performance, Tanz und genreübergreifenden Projekten an der Schnittstelle zu Theater und Bildender Kunst steht „Wunder der Prärie“ seit 2004 für die Präsentation aktueller Kunstformen im Südwesten der Republik. „Wunder der Prärie“ zählt zu den 15 Top-Festivals der Metropolregion Rhein-Neckar und steht unter der Schirmherrschaft von OB Dr. Peter Kurz.
Adressezeitraumexit // Hafenstraße 68 // 68159 Mannheim-Jungbusch // Telefon: 0621 3709831 // E-Mail: info@zeitraumexit.de
Spielortezeitraumexit
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