Enjoy Jazz

Allein am Klavier

› Machen wir uns nichts vor: 2020 ist so ziemlich das verstörendste, ungewöhnlichste und auch bedrohlichste Jahr, das wir in diesem jungen und doch schon schrecklich aufgeregten Jahrhundert erlebt haben. Alles ist upside down, und Ereignisse, die wir bislang nur aus Katastrophenfilmen kannten, sind Alltag geworden. Das Bedürfnis, sich zumindest an gewissen Pfeilern einer anderen, besseren Welt festzuhalten, steigert sich da ins Unermessliche. Wie gut also, dass uns das Enjoy Jazz Festival gerade dieses Jahr nicht hängen lässt. Dass es wirklich stattfindet. Und uns ein Gefühl dafür zurückgibt, dass nicht alles stillsteht oder der Wahnsinn die Oberhand gewinnen muss. Wie schön auch, dass das Festival mit wohlvertrauten Musikern eröffnet und beendet wird — wir uns also quasi umarmt fühlen dürfen von zwei Künstlern, die den Jazz der letzten zwei Jahrzehnte und auch das Festival stark geprägt haben.

Nähe und Distanz

Der eine heißt Brad Mehldau (Foto oben) — und ist der wahrscheinlich wichtigste Pianist seiner Generation. Als er in den 90ern die Kunst des Trios neu belebte, neben Standards auch Popsongs auf geradezu genialische Weise interpretierte, stieg er zum Star der Szene auf: In seinen Eigenkompositionen bezieht er sich sowohl auf die reiche Tradition des Jazz als auch auf klassische Musik, vor allem aber auf die Spätromantik. Das kann man im jüngsten Werk des 50-Jährigen hören. Mehldau verbrachte die Monate des Shutdowns mit seiner Familie in Amsterdam und verarbeitete die Erfahrungen dieser Zeit in zwölf eng miteinander verwobenen, melancholisch gefärbten Stücken: „Suite: April 2020“ versucht die im Shutdown immer wieder changierenden Stimmungen, das Ausloten von Nähe und Distanz, die Unsicherheit in Musik zu übersetzen. Es sind lyrische, die Ungewissheit der Situation seismographisch aufnehmende Miniaturen. Abgeschlossen wird das Album übrigens von einer hinreißenden Version von „Look for the Silver Lining“. Beim Enjoy-Jazz-Eröffnungskonzert und einem weiteren Solo-Abend stellt Mehldau diese Suite vor — ergänzt um einige Beatles-Songs. Wenn das nicht ein würdiger Auftakt ist.
  • enjoy jazz michael wollny
    Going solo – Während Michael Wollny beim Enjoy-Jazz-Abschlusskonzert sein Album „Mondenkind“ …vorstellt, …
  • enjoy jazz johanna summer
    … loten Johanna Summer mit ihrem „Schumann Kaleidoskop“ und …
  • enjoy jazz Hermann Kretzschmar
    … Hermann Kretzschmar mit seinem postdigitalen Experiment „32 Scansonaten“ die Grenzen zwischgen Jazz und Klassik aus.
Genauso würdig, oder besser, denkwürdig dürfte das Abschlusskonzert werden. Michael Wollny wurde bekannt mit seinem Trio und spielte auch viel in Duo-Konstellationen. Seine Solo-Auftritte hingegen sind rar — und umso beeindruckender. Zu seinem Konzert in der Mannheimer Christuskirche bringt er sein neues Album „Mondenkind“ mit, alleine eingespielt und im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch: Wollnys Fähigkeit, auf verschiedenen Traditionshöhenkämmen traumhaft sicher zu wandeln, ähnelt der von Brad Mehldau. Und doch sind die beiden auf unterschiedlichen Pfaden unterwegs: Bei Wollny geht es zwar ebenfalls tief hinein in die Romantik, aber er betont stärker das Düstere, Unheimliche, Doppelbödige. Auch seine innige Zuneigung zu Zwölftonmusik und Neuer Musik kann man immer wieder spüren. Allerdings behindert ihn der weite Horizont von Jazz bis Avantgarde nicht. Im Gegenteil: Das Wissen scheint die Freiheit erst zu ermöglichen, weit ins Unbekannte auszuschreiten, überraschende Volten zu schlagen. Es scheint, als würde die Improvisation nicht von Wollny „gemacht“, sondern einfach mit ihm geschehen.

Eine machtvolle Maschine

Das Klavier bietet natürlich die großartigsten Möglichkeiten, immer wieder Neues auszuprobieren: Es ist ein Orchester, das alle Stimmungslagen und Temperamente ausdrücken kann. Es ist eine gewaltige, machtvolle Maschine. Und ein Instrument, mit dem sich die filigransten Gefühle und Gedanken transportieren lassen. Das diesjährige Enjoy Jazz Festival widmet dem Solo-Piano einen Schwerpunkt. Denn nicht nur die beiden Giganten Mehldau und Wollny sind zu hören, sie bilden die Klammer für eine Reihe hochspannender Konzerte.

Ein Beethoven-Experiment

Spricht man vom Klavier, kommt man 2020 selbstverständlich an Beethoven nicht vorbei. Enjoy Jazz wäre aber nicht Enjoy Jazz, wenn der Klassiker nicht eine Transformation erfahren würde: Der Pianist und Komponist Hermann Kretzschmar, Mitglied des Ensemble Modern, spielt alle 32 Klavier-Sonaten hintereinander. Allerdings kürzt er die gut zehn Stunden, die das dauern würde, radikal zusammen. Kretzschmar nimmt jeweils die erste Zählzeit eines Taktes, ohne Rücksicht darauf, ob es sich dabei um einen Klang oder eine Pause handelt. So braucht er dafür gerade mal ein bis fünf Minuten pro Werk. „32 Scansonaten“ nennt Kretzschmar dieses postdigitale Experiment. Das Sonaten-Skelett, das durch den Scan entsteht, hat plötzlich einen ganz eigenen Reiz. Es entstehen im Beschleuniger neue Mini-Strukturen; die Dramatik und Dynamik Beethovens fällt weg, dafür gibt es etwas ungehört Modernes.

Wie einst Keith Jarrett

Auch Johanna Summer — erst Mitte 20, von der Kritik gefeiert, mit dem Münchener Jazzpreis dekoriert — beschäftigt sich mit der Vergangenheit, um die Gegenwart zum Klingen zu bringen: Auf ihrem bei Act erschienenen Soloalbum improvisiert sie zu Motiven von Schumann-Kompositionen. „Schumann Kaleidoskop“ heißt das Meisterwerk, und der Titel deutet an, worum es ihr geht: dem Material immer wieder neue Perspektiven und Facetten abzugewinnen. Mit Keith Jarrett wurde sie von dem begeisterten Kollegen Malakoff Kowalski verglichen — wäre der beim „Köln Concert“ schon mehr bei sich geblieben. Mehldau, Wollny, Kretzschmar und Summer sind aber nur vier der Protagonist*innen des Solo-Piano-Schwerpunkts. Mit Nik Bärtsch und Jens Thomas sind zwei weitere feste Größen von Enjoy Jazz zu Gast, mit Tania Giannouli und Katherine Zyabluk kommen zudem zwei hochspannende Musikerinnen. ‹


Enjoy Jazz — 22. Internationales Festival für Jazz und Anderes

02. Oktober bis 14. November 2020
verschiedene Locations in Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen und der Region
www.enjoyjazz.de

Schwerpunkt Solo-Piano — die Termine
Brad Mehldau, 02. & 03. Oktober, BASF-Feierabendhaus, Ludwigshafen
— Tania Giannouli, 16. Oktober, Kunsthalle Mannheim
— Hermann Kretzschmar, 18. Oktober, Alte Feuerwache Mannheim
Nik Bärtsch, 20. Oktober, Ort steht noch nicht fest
Katherine Zyabluk, 30. Oktober, dasHaus Ludwigshafen
— Johanna Summer, 09. November, Alte Feuerwache Mannheim (Foto)
Jens Thomas, 10. November, dasHaus Ludwigshafen
Michael Wollny, 14. November, Christuskirche, Mannheim

Bildnachweis:
Michael Wilson (Mehldau); Jörg Steinmetz (Wollny); Gregor Hohenberg (Summer); Wonge Bergmann (Kretzschmar)

Enjoy Jazz Festival

Seit seiner Premiere 1999 hat sich Enjoy Jazz zu einem international renommierten Festival und zum größten Jazzfestival Deutschlands entwickelt. Neben Legenden wie Ornette Coleman oder Wayne Shorter präsentiert das „Internationale Festival für Jazz und anderes“ immer auch die Größen der jüngeren Jazzgeneration und spannt den Bogen zu angrenzenden Genres wie Weltmusik, Elektronik, Hip-Hop und Klassik. Komplettiert werden die rund 70 Konzerte durch Workshops, Matineen, Partys und Vorträge.
AdresseEnjoy Jazz GmbH // Bergheimer Straße 153 // 69115 Heidelberg // Tel: 06221 5835850 // E-Mail: info@enjoyjazz.de
SpielorteVerschiedene Orte in und rund um Heidelberg, Mannheim und ­Ludwigshafen
  • Das sollten Sie nicht verpassen

    Bohren & der Club of Gore – Wahlweise als Dark Jazz oder Doom Jazz wird das bezeichnet, was die drei Ruhrpott-Recken von Bohren & der Club of Gore servieren. 2002 waren sie zum ersten Mal bei Enjoy Jazz und auch auf ihrem aktuellen Album „Patchouli Blue“ lebt der radikal entschleunigte Sound des Trios davon, dass jede Form von Improvisation gemieden wird: „Wenn man sich ­lange genug durch die Kanalisation bohrt, kommt man irgendwann auch mal an einem ­Kanaldeckel vorbei, wo oben was Licht reinfällt.“
    12.11.2020, Alte Feuerwache Mannheim, 20 Uhr, www.enjoyjazz.de
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