Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Mit Haut und Haar

› Für seine Darstellung des Boxers Jake LaMotta im Film „Wie ein wilder Stier“ wurde Robert De Niro 1981 mit dem Oscar belohnt. Er hatte für die Rolle zuvor nicht nur das Boxen erlernt — und das sogar beim echten Jake LaMotta, der ihm das Zeug zum Profi bescheinigte –, sondern auch in kürzester Zeit 30 Kilogramm zugenommen, um auch den späten LaMotta als übergewichtigen Nachtbarbesitzer überzeugend zu verkörpern. Der Film von Martin Scorsese über den Aufstieg und Fall des Weltmeisters im Mittelgewichts-Boxen gilt heute als Klassiker. Im Rahmen der Retro-Reihe wird „Raging Bull“ („Wie ein wilder Stier“) neben anderen bekannteren und sicher auch für viele unbekannten Filmen zu sehen sein — alle vereint sie der Bezug zum Thema „Method Acting“.

„Robert De Niro ist mit Blick auf unsere Reihe auch insofern eine interessante Figur, weil er in ‚Der Pate II‘ den Mafiaboss Don Vito Corleone spielte und somit ausgerechnet Marlon Brando in der Rolle beerbte“, erklärt Tim Moeck vom Programmteam des IFFMH. Marlon Brando gilt bis heute als der Weltstar, der das Method Acting als Schauspieler groß gemacht hat. Er selbst war Schüler der Schauspiellehrerin Stella Adler. Zusammen mit Lee Strasberg, der in der legendären New Yorker Talentschmiede, dem Actors Studio, seine Wirkungsstätte hatte, bildeten die beiden die zentralen Figuren, die den Begriff des Method Acting prägten. Sie führten Generationen von Stars an die Methode heran. Adler und Strasberg bezogen sich dabei auf die Lehren des russischen Schauspielers und Theaterreformers Konstantin Stanislawski. „Man muss festhalten, dass es nicht das eine Method Acting gibt“, erklärt Moeck. „Es gibt unzählige Literatur dazu und verschiedene Ausprägungen. Vieles, was heute mit dem Thema verbunden wird, etwa dass sich Schauspielerinnen und Schauspieler auch abseits des Sets mit dem Rollennamen ansprechen lassen, geht über die Ursprungsidee hinaus.“
  • Zu sehen innerhalb der Retro-Reihe: Al Pacino in "Der Pate II". (The Godfather Part II © 1974 Paramount Pictures and the Coppola Company)
  • Clark Gable und Marilyn Monroe in "The Misfits" (© Park Circus, Capelight)
  • Und Tony Curtis und Sidney Poitier in "Flucht in Ketten" aus dem Jahr 1958.(© Park Circus, Studiocanal)
Die Filmauswahl, die im Rahmen der Retro-Reihe gezeigt wird, bezieht sich auf die ersten Jahre, in denen das Method Acting die Filmwelt revolutionierte. „Die Idee war, dass es beim Spielen darum geht, der zu verkörpernden Figur anders näherzukommen als einzig über den Text, den Plot oder die Interaktion mit den Figuren. Es ging darum, das eigene Gefühlsleben, die eigene Psyche miteinzubeziehen und quasi eine persönliche Schleuse zu öffnen.“ Marlon Brandos Darstellung in „Endstation Sehnsucht“ („A Streetcar Named Desire“) ist so als Wendepunkt in die Filmgeschichte eingegangen. „Das Spannende ist, dass mir während meiner Tätigkeit als Dozent junge Studierende an der Filmhochschule immer wieder Marlon Brando genannt haben, wenn ich sie nach Vorbildern gefragt habe. Die Faszination für ihn scheint ungebrochen“, berichtet Moeck. Natürlich können sich auch die Besucher*innen des Filmfestivals selbst vom Glanz Brandos überzeugen. Zu sehen sein wird der Klassiker „Die Faust im Nacken“ („On the Waterfront“), der Brando seinen ersten Oscar bescherte und den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere markierte. Bevor er fast zwanzig Jahre später mit dem „Paten“ („The Godfather“) noch einmal triumphierte. „Der Pate“ steht ebenfalls auf dem Programm — allerdings der erwähnte zweite Teil mit De Niro.

Hochkarätiges Rahmenprogramm
Wenn es um Method Acting hierzulande geht, landet man schnell bei Lars Eidinger, der für sein aufopferungsvolles Spiel im Theater wie auch in nationalen und internationalen Filmen bekannt ist. Zusammen mit seinen Schauspielkolleginnen Hanna Hilsdorf und Antje Traue, die zuletzt im Comic-Block-buster „The Flash“ auf den Kinoleinwänden zu sehen war, werden die drei sich bei einem Gesprächspanel über „Schauspiel“ austauschen und dabei sicher auch das Retro-Thema „Method Acting“ streifen. Weitere Panels mit Fachleuten sind zum Thema „Migrantische Geschichte“ in Bezug auf die multikulturell geprägte Filmstadt Mannheim und zum Themenfeld „Sport und Film“ geplant. Die Gesprächsformate sind Teil des Rahmenprogramms, das in diesem Jahr noch einmal verstärkt auf Interdisziplinarität setzt und für das Julia Fischer und Lena Reitschuster vom IFFMH-Team maßgeblich verantwortlich sind. „Neben den Panels gibt es eine Tanzreihe, die von der Gruppe Interactions kuratiert wird. Dafür werden Solo-Künstler*innen Performances zu Filmen aus dem Programm erarbeiten, die dann im Anschluss an die Filmscreenings gezeigt werden“, verrät Fischer. Zu sehen sein werden die Performances im Heidelberger Karlstorbahnhof, wo die gesamte untere Ebene in diesem Jahr als Festivallounge dient. „Wir freuen uns, neben der Lounge im Stadthaus einen weiteren Ort der zwanglosen Begegnung zu schaffen, der als soziokulturelles Filmzentrum verstanden werden kann. Dazu passt auch, dass fast alle Angebote des Rahmenprogramms kostenfrei sind “, erklärt Fischer.
  • Zu Gast beim diesjährigen Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg: Lars Eidinger. (Foto: Ingo Pertramer)
  • The Nest Collective aus Kenia präsentiert Videoarbeiten im Heidelberger Karlstorbahnhof.(To catch a dream (c) Courtesy of The Nest Collective)
Dort in der Zentrale des Karlstorbahnhofs wird während der Festivallaufzeit auch eine Ausstellung des „The Nest Collective“ aus Kenia zu erleben sein. Das Künstler*innenkollektiv aus Nairobi bekam schon während der „documenta fifteen“ im vergangenen Jahr große Aufmerksamkeit für seine Installation zum Thema Fast Fashion. Eine Gruppe des Kollektivs wird anreisen und während des Festivals auch vor Ort produktiv werden und in Gesprächsformaten zu erleben sein. Eine Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex der postkolonialen Geschichte soll hier eine besondere Rolle spielen, immer auch mit Blick auf das Medium Film. Die neue Lounge im Karlstorbahnhof wird übrigens auch gebührend eingeweiht, verraten die Macher*innen — am ersten Wochenende nach der offiziellen Filmfestival-Eröffnung wird eine Party gefeiert — Lars Eidinger wird hier auflegen und in seiner Rolle als DJ zu erleben sein, wofür er bereits seit vielen Jahren auch abseits der Leinwand und Bühne gefeiert wird. ‹

  • Sascha Keilholz (Bild: Florian Greiner)

„Wir wollen Talente entdecken“

Sascha Keilholz leitet das IFFMH seit 2020. Im Interview gibt er einen ersten Ausblick auf die diesjährige Ausgabe und den Wettbewerb.

› Herr Keilholz, was wünschen Sie sich für die Ausgabe 2023?
Ich hoffe, dass wir an die letzte Ausgabe anknüpfen können, als wir nach dem Ende der Pandemie endlich wieder absolute Festivalatmosphäre genießen durften. Das hat sich fast so angefühlt, als könnten wir das Festival feiern, das wir drei Jahre lang vorbereitet hatten. 2023 gehen wir auch bestärkt von den Events, die wir das Jahr über mit regionalen Partnern wie der BUGA 23, zeitraumexit oder dem Cinema Quadrat durchgeführt haben, in die Ausgabe und feiern das Filmfestival als Höhepunkt unserer Aktivitäten.

Sie haben es bereits angesprochen. Auf der einen Seite ist es ein internationales Filmfestival, auf der anderen Seite ist die Metropolregion als Standort sehr wichtig für das Festival …
Die Filme, die wir im Wettbewerb zeigen, sind exklusive internationale Produktionen, die bei uns ihre Deutschland-, Europa- oder Weltpremiere feiern — wir denken also ganz stark in globalen Verhältnissen. Andererseits sind wir kein internationales Branchenfestival wie Cannes. Bei uns treffen internationale Filmemacher*innen auf die deutsche Branche, vor allem aber auf die Menschen in der Region. Wir repräsentieren die beiden Städte, machen sie ein Stück weit sichtbar und erfahrbar. Dem filmbegeisterten Publikum vor Ort sind wir das ganze Jahr über eine feste Anlaufstelle, auch außerhalb der Festivalzeit. Wir sind hier verwurzelt, unsere Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen sind existenzieller Bestandteil unserer Arbeit.

Können Sie schon etwas über die Wettbewerbsfilme verraten?
Im Wettbewerb geht es uns darum, Talente zu entdecken und zu präsentieren — das ist das ausschlaggebende Kriterium für die Auswahl der sechzehn Filme. Im vergangenen Jahr hat eine neue Generation von europäischen Filmemacher*innen das Festival dominiert. Die hatten ein ganz eigenes Empfinden für Schnitt, Rhythmus, den Einsatz von Musik und die Milieus ihrer Figuren. Dennoch kam uns dieses Kino mit seinen Wurzeln sehr vertraut vor. In diesem Jahr — so viel kann ich bereits verraten — wirken viele der Beiträge auf den ersten Blick unvertrauter. Das ist hochspannend und faszinierend. Es gibt also noch mehr Neues zu entdecken. ‹


72. Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg
16. bis 26. November 2023
alle Kinos in Mannheim und Heidelberg, Festival-Lounges im Stadthaus Mannheim und im Karlstorbahnhof Heidelberg
Programm ab Ende Oktober, Ticket-VVK ab 6. November
www.iffmh.de
Bildnachweis:
Filmstill RagingBull Robert DeNiro © 1980 Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc.

Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg genießt als Forum für junge Talente einen internationalen Ruf. Regisseure wie François Truffaut, Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder, Krzysztof Kieslowski, Jim Jarmusch, Lars von Trier oder später Thomas Vinterberg, Frédéric Fonteyne, Guillaume Nicloux, Derek Cianfrance, Hong Sang-soo starteten in Mannheim- Heidelberg ihre Weltkarrieren. Neben rund 60.000 Besuchern kommen jedes Jahr etwa 1.000 internationale Gäste aus der Filmbranche. Dazu gehören Journalisten, Sales Agents, Verleiher und Produzenten.
TerminDO 16. bis SO 26. November 2023
AdresseIFFMH – Filmfestival Mannheim gGmbH // Kleiststraße 3–5 // 68167 Mannheim // Telefon: +49 621 - 489262-11 // E-Mail: info@iffmh.de
Spielortealle Kinos in Mannheim und Heidelberg, Festival-Lounges im Stadthaus Mannheim und im Karlstorbahnhof Heidelberg
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