Local Heroes – Teil 4

Out of Ladenburg

Das Großartige an der Literatur: Sie kann an jedem Ort entstehen, in den großen Städten ebenso wie in den abgelegensten Weltgegenden. Alles kann faszinierend sein, überall ist es interessant. In Ladenburg zum Beispiel! Carolin Callies, 1980 in Mannheim geboren, lebt dort seit mehr als 30 Jahren. Als Jugendliche stand sie neugierig vor dem Lyrikregal der Stadtbücherei. Heute sind ihre eigenen Gedichtbände dort zu finden. Zwei hat sie inzwischen veröffentlicht: „fünf sinne & nur ein besteckkasten“ (2015) sowie „schatullen & bredouillen“ (2019). Dieses Jahr ist sie Mitherausgeberin des legendären „Jahrbuchs der Lyrik“. Bildgewaltige Körper- und Raumerkundungen, schonungslose Sprachsektionen und drastische Oberflächenreizungen zeichnen ihre Gedichte aus: „wie oft so eine haut aufgehen kann, / ohne dass sie lose wird“.

Callies wird von der Kritik als aufregende zeitgenössische Stimme gefeiert. Und doch spürt man — zwischen und in ihren kraftvollen Zeilen — die Begeisterung der ersten Leseerfahrungen. Die Begegnung mit dem Expressionismus, erzählt Callies, sei ein „zündendes Erlebnis“ gewesen. Der erste eigene Gedichtband? Else Lasker-Schüler als Geburtstagsgeschenk, mit 15 oder 16, „da war ich dann gefangen“. Und der Weg in die Literaturwelt vorprogrammiert. Während ihrer Ausbildung beim Suhrkamp Verlag pendelte sie mit dem Zug zwischen Ladenburg und Frankfurt, eine ideale Schreib- und Lesezeit, „weil das aus dem Alltag herausfiel. Das war nicht zu Hause, nicht Büro und dadurch wiederum sehr wertvoll. Insofern ist das Unterwegssein innerhalb der Region immer ein wichtiges Momentum.“ Weitere berufliche Stationen: das Literaturhaus in Frankfurt und die Uni Mannheim, wo sie Germanistik studierte. Und natürlich der Frankfurter Schöffling Verlag, bei dem Callies Lesungen organisierte. Damals veröffentlichte sie bereits in Zeitschriften, nahm an Wettbewerben teil, was dem Verleger nicht verborgen blieb. „Klaus Schöffling schrieb mir einen Brief aus dem Sommerurlaub — die Gedichte seien so toll, er wolle ein Buch daraus machen.“ Natürlich hielt er Wort.

Es wäre aber zu kurz gegriffen, würde man Callies nur als Lyrikerin vorstellen. In Ladenburg veranstaltet sie seit vier Jahren das Literaturfestival „vielerorts“: An diversen Schauplätzen der Stadt finden Lesungen statt, in Hinterhöfen, in Wohnzimmern. 2024 werden die Baden-Württembergischen Literaturtage auch dank ihres Engagements in Ladenburg ausgerichtet. Seit einigen Jahren organisiert sie zudem das Forum „Die Unabhängige“ für die Kurt-Wolff-Stiftung auf der Leipziger Buchmesse, gibt Uni-Seminare, Schreib-Workshops.

Und auch wenn Corona vieles durcheinanderwirbelt und die meisten Lesungen ausfallen, zumindest ein paar neue Formate hat die Pandemie ermöglicht: etwa einen Literaturpodcast mit dem Titel „Flausen“, den Callies mit dem Literaturhaus Stuttgart produziert (sehr hörenswert!). Wie sieht es mit den eigenen kreativen Flausen aus? Carolin Callies lacht: „Dafür ist momentan nicht so viel Zeit, dadurch dass ich eine Tochter mit Homeschooling und relativ viel auf dem Schreibtisch habe. Da geht es mir gerade wie vielen anderen da draußen …“

www.carolin-callies.de
ladenburger-literaturtage.de
Bildnachweis:
Thommy Mardo

Local Heroes

In der Serie „Local Heroes“ präsentiert das KULTURMAGAZIN Macherinnen und Macher, die das Kulturleben bereichern und die Kulturregion Rhein-Neckar voranbringen.
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